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2013_Zither-Mag_1

Peter Kiesewetter

Abschied von U nsere Freundschaft begann mit einem einzigen Ton: dem Kontra-G der Basszither. Peter Kiesewetter hatte mich 1992 nach Vogach eingeladen, um das Instrument kennenzulernen. Diskant- und Altzither hatte ich ihm bereits vorgestellt, ohne mehr als freundliches Interesse zu ernten. Jetzt blieb noch die Basszither, die mir für mein Ziel, neue Sololiteratur anzuregen, nicht besonders geeignet zu sein schien. Ich schlug das Kontra-G an. Die Wirkung war verblüffend. Peter Kiesewetter stand abrupt auf, ging einmal um die Basszither herum und sagte, er werde für mich und dieses Instrument schreiben. Das tiefe G, das unsere Zusammenarbeit einleitete, löste in ihm un- geahnte Assoziationen aus. „Wenn ich phantasierte, habe ich immer den Klang der Basszither gehört. Aus diesem Traum ist Wirklichkeit geworden“, schrieb er später einmal. Im Gegensatz zu anderen Kom- ponisten fiel es Kiesewetter nie schwer, die Eigenheiten, das Unver- wechselbare der Zither zu erfassen. Das erste Stück, das er dafür schrieb, war eine Neufassung von „Shoshanim“ für Zither und Viola. Virtuos entwickelte er einen Kosmos an bislang ungehörten Tonfar- ben ohne jegliche Eitelkeit und Aufgeregtheit. Im nächsten Stück wandte er sich nicht nur der Basszither zu, sondern griff die in der Bibel vielfach belegte Kombination von Saiteninstrument und Stim- me auf und schuf „Tefilà Lemoshè“, der 90. Psalm (1994). 1945 im unterfränkischen Marktheidenfeld geboren hatte Peter Kie- sewetter an der Hochschule für Musik und Theater München bei Gün- ter Bialas studiert. Als unsere Zusammenarbeit begann, war er bereits ein viel beschäftigter, gefragter Komponist, hatte zwei erfolgreich aufgeführte Symphonien geschrieben und arbeitete gerade an anderen groß besetzten Werken wie „Ulrichsvesper“ oder „Johannespassion“. Bei aller Präzision und Zielstrebigkeit liebte er es, eher nebenbei Projekte zu entwickeln, auf Zufälle einzugehen, sich kreativ treiben zu lassen. Das gilt für „Gil“, der Samm- lung kleiner Übungs- und Vortragsstücke, genauso wie für „Jeshimòn“ (Wüste), dem großen Solostück für Altzither (1995/96). Wir scherzten häufig darüber, dass Ideen, Fragmente, Stückanfänge, die er für andere Instrumente als nicht tragfähig erachte- te, für die Zither noch taugen würden. Das war nicht abwertend gemeint, sondern Kiesewetter würdigte mit dieser Bemerkung die ungeheuren Möglichkeiten der Zither. Die Komposition von „Bereshit“, seinem grandiosen Oratorium, begann mit einer Wette. Ich erzählte ihm im Juli 1995, dass mir für ein Konzert am Konservatorium kurzfristig ein Stück ausgefallen war, da der Spieler erkrankt war. Kiesewetter bot an, er werde bis zum Termin in zehn Tagen ein Stück für Sopran und Altzither schreiben. Allerdings mussten seine Frau Adelheid Maria Thanner und ich es auch schaffen, das Werk einzustudieren. Wir schlugen ein. Dass damit der Schlussteil des später zweieinhalbstündigen Bereshits, der Turmbau zu Bawel, entstanden war, ahnten wir nicht. Mit sparsamsten Mitteln und minimaler Besetzung (Sopran, Viola, Zither, Schlagzeug) erzählt er darin archaisch karg die Schöpfungsgeschichte, nichts weniger als eine klangliche Vergegenwärtigung des Beginns aller Dinge. Am 3. Dezember 2012 ist Peter Kiesewetter, 67 Jahre alt, gestorben. Die Zither hat einen großartigen und für sie immens wichtigen Komponisten verloren und ich einen guten Freund und musikalischen Wegbegleiter. Georg Glasl Peter Kiesewetter Peter Kiesewetter, Foto: Manfred Neubauer GEDENKEN |29

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