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2013_Zither-Mag_1

Das Trio Greifer (von links Martin Mallaun, Leopold Hurt, Reinhilde Gamper) während des Auftritts auf dem Münchner Festival Zither 9. Foto: Viktoria Zäch M an mag es drehen und wenden wie man will, am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Zither, welchen Raum sie auch immer im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft eingenommen haben mag, aus dem allgemeinen Bewusstsein der modernen Gesellschaft verschwunden ist. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die in vielen Zitherverbän- den und Vereinen gepflegte Literatur ist hoffnungslos veraltet, sofern sie überhaupt irgendwann einmal zeitgemäß war. Im Gegensatz zu herkömmlichen Instrumenten, mit denen die Zither aus näher zu untersuchen sich lohnenden Gründen nie wirklich konkurrieren konnte, herrscht von einigen gelunge- nen Ausnahmen abgesehen immer noch ein akuter Mangel so- wohl an methodisch didaktischer Literatur, an Originalwerken sämtlicher Schwierigkeitsgrade als auch an Kammermusik, bei denen die Zither außerhalb des Volksmusikidioms gleich- berechtigt neben anderen Instrumenten eingesetzt wird. Vor ein anderes Problem sehen sich Nachwuchsspielerinnen und –spieler gestellt, sind doch die technischen Anforde- rungen im Vergleich zum klanglichen Ergebnis gerade in der sensiblen Anfängerphase, gemessen etwa an einigen Blasins- trumenten oder der Gitarre, relativ hoch. In Zeiten, in denen Eltern erwarten, dass sich Erfolgserlebnisse möglichst schnell einstellen sollen, sind Kinder, die das Zitherspiel erlernen, oft überfordert. Gleiches gilt auch für Violine oder Violoncello, aber in diesem Bereich gibt es dank moderner Marketing- strategien Vorführkünstler wie David Garrett, die, zwischen Sexappeal und tatsächlicher künstlerischer Exzellenz chan- gierend, vor allem Eltern animieren, ihre Kinder auf Suzuki-Schulen zu entsenden. Übrigens mit sehr unter- schiedlichem Erfolg. Und da gibt es immer wieder einmal Wunderkinder, einst, als auch die Zither noch vielen ein Begriff war, von Anneliese Ro- thenberger für großelterliche Fernsehsessel aufbereitet, heute über zeitgemäßere Medien zur Nachahmung freigegeben. Wo sind die Wunderkinder an der Zither? Selbst wenn es sie gäbe, welche Rundfunkanstalt wäre bereit, neutral darüber zu be- richten, ohne das Edelweiß auf kargen Felsen im Hintergrund mitzufilmen? Mein ehemaliger Student, Benjamin Scheuer, der inzwischen auf einem guten Weg ist, sich als freischaffen- der Komponist einen Namen zu machen, gewann vor wenigen Jahren einen Wettbewerb für Alphorn. Als er in eine norddeut- sche Talkshow eingeladen wurde, drehte man im Vorfeld einen kleinen Film in der Schweiz. Sein Stück wurde von einem folkloristisch verkleideten Alphornspieler vor prächtiger Berg- kulisse so klischeehaft wie nur irgend möglich präsentiert, ob- wohl es an der Hamburger Musikhochschule einen niederlän- dischen Hornisten gibt, der das Alphorn musikalisch technisch beherrscht wie kaum ein anderer. Inzwischen ist man in manchen Kreisen der Volksmusik davon abgekommen, die Zither einzusetzen, da mangelnde Dynamik und optische Präsentation angeblich nicht mehr attraktiv ge- nug sind, größere Publikumsströme in Konzertsäle, Vereinshei- me und ausgebaute Scheunen zu bewegen. Gerade heute, wo dankausgeklügelsterMikrophontechnikundinzwischenallge- mein etablierter elektronischer Tonhöhenkorrektur jeder krä- hende Teenager zumindest bei Dieter Bohlen zum Superstar avancieren könnte, ist es eine Farce zu behaupten, die Zither setze sich dynamisch und klanglich in Volksmusikformationen, in Ensembles oder im Orchester nicht genügend durch. Das aus drei Zitherspielern bestehende Ensemble Greifer, das im Oktober 2012 bei den Hamburger Klangwerktagen gastierte, überzeugte mit und ohne Einsatz von Elektronik. Auch in den während der letzten 15 Jahren entstandenen Orchesterwer- ken, in welchen die Zither elektronisch verstärkt oder unver- stärktzumEinsatzkam,istdiesesProblemnichtzuTagegetre- ten, ohne dass es dafür nicht eine technische Lösung gegeben hätte. Mein Verdacht geht in eine ganz andere, weit bedenklichere Richtung. Glauben inzwischen auch Vertreter der Volksmusik, dass sie in dem Augenblick, wo sie mit der Zither in Verbindung gebrachtwerden,nichtmehruptodatesind,miteinerGenera- tion ewig Gestriger in einem Atemzug genannt und damit aufs musikalische Abstellgleis abgeschoben zu werden? Wie konnte es dazu kommen, dass das Instrument Zither gerade dabei ist, im vagen und völlig unbegründeten Unterbewusstsein eines missverstandenen Kulturverständnisses auf den Index zu ge- raten? Schuld daran ist die Zitherszene selbst. Der Dachver- band, aber auch einzelne Landesverbände müssen sich den „Wo sind die Wunderkinder an der Zither?“ AUSSENANSICHT |31

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