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2013_Zither-Mag_1

Georg Glasl bei Proben zu Bernhard Langs „Monadologie“ mit dem Sinfonieor- chester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Emilio Pomarico im Münchner Herkulessaal Foto: Gerlinde Hipfl Vorwurf gefallen lassen, in den letzten zehn Jahren zu wenig oder gar nichts gegen das schleichende Wegbrechen der Mit- glieder, gegen das Abschotten einzelner extrem konservativer Verbände, für innovative Konzepte, für Werbekampagnen zum Zwecke der Nachwuchsfindung getan zu haben. Indem viele Landesverbände faktisch zu Laienverbänden wurden, da sie sich überhaupt nicht oder nur unzureichend um die Professi- onellen der Zitherszene bemüht oder die Professionalisierung derbegabtestenihrerMitglieder vorangetrieben haben, entstand ein tiefer Graben zwischen Liebhaber- und professioneller Szene mit klassischen Feindbil- dern,diedringendaufgearbeitet und entschärft werden müssen. Schießlich trug auch die mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit von Dach- als auch Landesverbänden dazu bei, dass außerhalb der guten Stuben, lauschigen Kneipen und Vereinsheime, also jenseits der Zitherszene, kaum jemand mehr davon erfuhr, wie es um die Zither stand. Ich schreibe von außen und weiß aus der langjährigen Erfah- rung im Hochschulbereich, wie schwer es ist, gewachsene, womöglich staatlich verordnete Strukturen in Zeiten der Wohl- und Besitzstandwahrung zu analysieren und wirkungsvoll zu reformieren. Dennoch, der Gesamtzustand ist ernüchternd. Manche flüchten sich wehmütig in Klagegesänge verbrämter Nostalgie, sei es im Aufwärmen eines redundant gewordenen Repertoires, sei es in bloßer Beschwörung der Uraltformel, früher sei alles besser gewesen. Zu wenige sind in den letz- ten Dezennien aktiv gegen den bedrohlichen Rückgang des Nachwuchses tätig geworden, haben sich für eine zeitgemäße Literatureingesetzt,fürdringendnotwenigeStrukturreformen des Dachverbands verwendet. Was für die multimediale Leis- tungsgesellschaft im Großen gilt, zeigt sich auch in der kleinen Nischenwelt der Zither. Viel geheucheltes Pathos, großes ba- rockes Lamento, aber kaum Initiativen, die Zustände zu ver- ändern. Gleichgültigkeit ist zum Problem unserer saturierten Gesellschaft generell geworden, im Kleinen wie im Großen. Einige wenige jedoch haben viel bewirkt, verändert und sind weiterhin bereit, Grundlegendes zu verbessern. Und so möchte ich dem vielzitierten Anfang von Heines Wintermärchen jetzt im zweiten Teil ein anderes Zitat gegenüberstellen, das jener nur allzu gut kannte: Oh Freunde, nicht diese Töne ... Ich frage mich womöglich zu Unrecht, ob angesichts der bisherigen Verbandszeitschrift Saitenspiel, die bis zu dieser Ausgabe als offizielles Organ der Zitherszene fungierte, alle Mitglieder der Landesverbände davon Kenntnis haben, was sich in den letzten zehn bis 15 Jahren im Bereich der pro- fessionellen Zitherszene getan hat. Dass Georg Glasl nach anfänglicher Pionierarbeit inzwischen neun international renommierte Zitherfestivals in München mit enormem und für die gesamte Zitherwelt niemals gekanntem Erfolg durchgeführt hat, dürfte auch seinen ärgsten Feinden kaum entgangen sein. Darüber wurde vor allem auch außerhalb der Verbände berichtet. Dass aber seine kontinuierliche, beharrliche Hochschultätigkeit inzwischen eine internati- onale Klasse an Studierenden von Rang hervorgebracht hat, die seine Arbeit auf mannigfaltigste Weise in Italien, Ös- terreich, Slowenien und Deutschland erfolgreich fortsetzt, wird gerne verdrängt oder ist in der Tat nicht wirklich bis in die hintersten Regionen der Zitherwelt vorgedrungen. Dass in mehr als 20 Jahren, initiiert durch Georg Glasl, aber auch durch andere ein stetig wachsendes Repertoire von zeitge- nössischen Werken für Zither-Solo, für Zitherensemble, für Zither in Zusammenhang mit anderen Instrumental- und/ oder Vokalbesetzungen und für Zither und Orchester ent- standen ist, worunter sich viele, auch für Laien ohne größe- re technische Probleme realisierbare Werke finden, wurde beharrlich ignoriert oder in altgewohnter Abneigung gegen die Neue Musik mit Kopfschütteln quittiert. Dass darunter nur Werke postdodekaphonischer (zwölftöniger) oder post- serieller Kompositionstechniken zu finden seien, wird in Unkenntnis der Partituren immer wieder gerne behauptet, trifft jedoch in den allerwenigsten Fällen zu. Im Gegenteil: Klangsinnliche Werke, von eigener, oft herber Schönheit oder von improvisatorischer Spielfreude geprägte Komposi- tionen warten darauf, auch von Laien entdeckt zu werden. Verglichen mit den Werkkatalogen der letzten 150 Jahre gab „Viel geheucheltes Pathos, großes barockes Lamento, aber kaum Initiativen, die Zustände zu verändern“ 32 | AUSSENANSICHT

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