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2013_Zither-Mag_1

Paul Engel: Jolápo Der 1949 in Reutte geborene Paul Engel entstammt einer bekannten Tiroler Musikerfamilie, mit der er von früher Kindheit an bis Anfang der achtziger Jahre internationale Kon- zerttourneenunternahm.DerHeimatfilmDiesingendenEngel von 1958 gilt vielen Insidern noch heute als Zeitdokument, in welchem das Wirken der Engel-Familie eindrucksvoll doku- mentiert ist. Nach erstem musikalischen Unterricht, den Paul Engel durch seinen Vater erhielt, studierte er am Tiroler Lan- deskonservatorium in Innsbruck u. a. in den Fächern Klavier, Violine, Flöte, Dirigieren und Musiktheorie. Später führte ihn sein musikalischer Ausbildungsweg an die Staatliche Hoch- schule für Musik, heute Hochschule für Musik und Theater nach München, wo er seine Kompositionsstudien bei Günter Bialas und Wilhelm Killmayer, sein Klavierstudium bei Volker Banfield und Rosl Schmidt und sein Dirigierstudium bei Jan Kotsier fortsetzte. In den Jahren 1974 bis 1987 war er ebendort als Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung tätig. Als Diri- gent arbeitete er mit bedeutenden Orchestern und Ensembles wie dem Sinfonieorchester des ORF, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, den Münchner Philharmonikern, dem Münchner Kammerorchester, den Bamberger Symphoni- kern und anderen Orchestern zusammen. Als Komponist er- hielt er zahlreiche Aufträge u. a. für die Salzburger Festspiele, für das Staatstheater am Gärtnerplatz, die Tiroler Festspiele und den Steirischen Herbst. Sein Werk wurde vielfach preisge- krönt. Sein umfangreiches kompositorisches Schaffen ist von großer stilistischer Eigenständigkeit aber auch Wandlungsfä- higkeit gekennzeichnet. In einigen seiner Werke schimmert eine durch Herkunft geprägte Heimatverbundenheit durch, in anderen wird ein deutlicher Bezug zu Kompositionstech- niken vergangener Epochen spürbar. Engels Kompositionen insgesamt fehlt oft die große dramatische, von theatralischem Pathos geprägte Geste. Konflikte werden nur selten im Beetho- venschen Sinne zugespitzt. Die bedeutendsten seiner Werke erscheinen uns vielmehr als Emanationen von Lebens- wirklichkeit vor dem Hintergrund regulativer Naturbezo- genheit, wie Peter Revers in einer detaillierten Analyse des Orchesterwerks Widerhall – Tanzszenen für Orchester von 1985/86 sehr treffend bemerkt (Melos Vierteljahreszeitschrift für zeitgenössische Musik 4/1986, Verlag Schott’s Söhne, Mainz 1986, Seite 10). Bildhaft wie vor feingliedriger Architektur in lichter Landschaft, so nochmals Peter Revers an gleicher Stelle, erscheint uns auch sein jüngstes Werk Jolápo. Jodler - Ländler – Polka für Zither, Diatonische Harmonika (diato- nisches Akkordeon, Anmerkung des Verfassers) und Harfe, das 2013 bei Edition Zither erscheint. Einem Jodler. Langsam, getragen (Vier- tel 52), folgt nahtlos ein Ländler. Beschwingt, nicht zu schnell (Viertel 120), an den sich wiederum attacca eine Polka. Rassig, doch ge- zügelt (Viertel 132) anschließt, mit der das Werk lapidar ohne Introduktion, Überleitung oder Coda endet. Bereits an den Tempo und Ausdruck charakterisierenden Satzbe- zeichnungen wird deutlich, wie heimatverbunden sich En- gel mit diesem Werk fühlt, wird doch der Begriff rassig nur im alpenländischen Kulturkreis wirklich verstanden, ohne auf ein dem Dialekt entlehntes Wort reduziert werden zu können. Das Niederdeutsche herzhaft trifft die Sache nicht wirklich im Kern. Betrachtet man das von Engel verwende- te Material der Teile Ländler und Polka oberflächlich und liest die Partitur quer, so gewinnt man schnell den fälsch- lichen Eindruck, es handle sich um Originalmaterial in un- verfälschtem Zuschnitt. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man das für Engel typische Umsingen und Zersingen des Materials. Aber im Gegensatz zu den Volksliedern, welche vor allem im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im Stile des jeweiligen Zeitgeschmacks zersungen wurden, um ungerade Taktgruppen und unbequeme Intervallsprünge zu vermeiden (der Mond ist aufgegangen gilt als Muster- beispiel eines umfassenden Zersingungsprozesses im 19. Jahrhundert), geht Engel genau den umgekehrten Weg und gewinnt durch harmonische Härten, Unregelmäßigkeiten und unvermittelte Brüche einen fiktiven, weil historisch gesehen nie schriftlich verbürgten Urzustand einer unge- brochenen Sprache seiner musikalischen Heimat. Im seltenen Grenzbereich zwischen zeitgenössischer Musik und authentischer Volksmusik schwebend, verdient Jolápo als Vermittler zwischen Tradition und Fortschritt gerade auf den Podien der Volks- und Heimatabende gehört zu werden. Fredrik Schwenk Paul Engel mit den vielen Instrumenten, die er auf der Bühne spielt. Foto: privat Paul Engel: Jolápo Jodler - Ländler – Polka für Zither, Diatonische Harmonika und Harfe Edition Zither, Waging 2013 REPERTOIRE |61

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