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2013_Zither-Mag_1

Dorothea Hofmann: Sonatina Fantastica Mit unheimlich, auf der Lichtung, irritierende Signale und mit schnellen Schritten erzählt die Komponis- tin, Pianistin und Musikwissenschaftlerin Dorothea Hof- mann, wie sie selbst schreibt, nur ganz vage angedeutet eine Geschichte, für deren Ausdeutung ein großer Raum gegeben sei. Betrachtet man die vier Sätze in ihrer Tempoabfolge, so könnte man leicht den Eindruck gewinnen, es handle sich um eine vom Umfang her knapp bemessene, viersätzige klassische Sonate, die mit einem wild und schnell (Vier- tel ca. 140) überschriebenen Kopfsatz beginnt, mit einem langsamen Satz molto cantabile e dolce espressivo, in ru- higer Bewegung (Viertel ca. 80) einen lyrischen Gegenpol setzt, mit einem sehr rhythmusbewusst (Viertel ca. 120) gesetzten Intermezzo einen Scherzosatz in sehr freier Weise interpretiert und schließlich mit geschwind (Halbe ca. 92) einen finalartigen schnellen Schlusssatz erreicht. Andererseits erinnert gerade der letzte der vier Sätze in seiner scheinbar zwei- bzw. vierteiligen liedformartigen Anlage an eine der selteneren Charakterstückformen Robert Schumanns, etwa dem Fürchtenmann aus den Kinderszenen (Nr. 11) oder dem Volksliedchen aus dem Album für die Jugend (Nr. 9), wo Schumann Tempokon- traste unvermittelt aufeinander folgen lässt. Die gezielt gesetzten Titel und deren nachstehende Tempobezeich- nungen wie etwa letzteres geschwind könnten bei Aus- führenden und Zuhörenden Assoziationen an die Gattung Charakterstück allgemein freisetzen, was sicherlich im Sinne der Autorin gewesen sein mag, denn weder Schu- manns mannigfaltige Charakterstücksammlungen noch Mendelssohns Lieder ohne Worte erzählen Geschichten im eigentlichen Sinne. Sie setzen Fantasie frei und stif- ten die Interpretierenden an, über den Notentext hinaus, musikalisch technische Strukturen mit persönlichen Ge- danken und Erfahrungen zu verbinden, um so zu einem eigenen Gestaltungswillen zu gelangen. Schließlich sei noch auf den Umgang Hofmanns mit dem Material hingewiesen, denn das Werk, erschienen 2012 bei Edition Zither, wurde als Pflichtstück für den 5. In- ternationalen Wettbewerb für Zither/ Nachwuchswettbe- werb 2012 in Auftrag gegeben und richtet sich an junge und jüngste Zitherspielerinnen und -spieler. In Hofmanns Harmonik erscheinen trotz aller tonaler Un- gebundenheit immer wieder Dreiklänge oder lose, an ehe- mals tonale Zentren erinnernde Akkorde. So beginnt das Stück im unteren System mit einem absteigenden g-Moll- Dreiklang, während auf den Griffsaiten eher d-Moll hör- bar wird. Im dritten Takt erklingt zum Grundton g die Do- minante D-Dur und unmittelbar danach die leere Quinte f-c in fremdartigem Klangkontrast zur erwarteten Auflö- sung. Dieser Prozess wird in der Oberstimme leicht va- riiert dreimal wiederholt, bis ein Kontrastteil ungestüm im Ausdruck, aber rhythmisch stets klar, dieselben Töne in völlig anderer Struktur quasi durchführt. Die reprisen- artige Wiederkehr des Anfangsteils in harmonisch aufge- brochener Form gliedert das erste Stück zur dreiteiligen Form, Exposition, Durchführung und Reprise oder drei- teilige Liedform. Schon hier wird deutlich, wie Dorothea Hofmann mit Form und Material spielt. Das dritte scherzoartige Stück beginnt, wie im Titel an- gekündigt, mit irritierenden Signalen im lombardischen Rhythmus; dazwischen ein lyrischer Kontrast eine molto cantabile, poco meno mosso bezeichnete bogenartig auf- strebende sanfte Linie, der die Wiederholung der Signale folgt. Erneut erklingt die Kantilene und nach einer in- nehaltenden Fermate folgen spannungsgeladene Signale, die das Stück ins Offene, ins Weite hinaustragen. Hier ist nicht der Raum, Hofmanns Sonatina fantastica in einer umfassenden Analyse zu beschreiben. Dennoch sollen diese Andeutung einen Einblick in die vielfälti- gen Interpretationsaspekte der vier gelungenen Sätze geben. Darüber hinaus sollen sie anregen, mit diesem leicht zugänglichen und technisch einfachen Werk der musikalischen Moderne vorurteilsfrei zu begegnen, um später schwierige Literatur im Bereich zeitgenössischer Zithermusik interpretatorisch und technisch bewältigen zu können. Fredrik Schwenk Dorothea Hofmann: Sonatina fantastica für Diskantzither solo Edition Zither, Waging 2012 12,50 Euro 62 | REPERTOIRE

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