Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

2013_Zither-Mag_1

Harald Oberlechner: 6 Jazz-Exercises Die Tradition, Etüden über den rein technischen As- pekt stupider Übungsstücke hinaus zu musikalisch anspruchsvollen Charakterstücken zu formen und dut- zend- oder halbdutzendweise zu Zyklen zusammenzu- schließen, hat inzwischen eine lange Geschichte. Bach, Chopin, Liszt, Debussy und Ligeti haben für den Bereich der klassischen Musik kongeniale Etüdensammlungen geschrieben. Im Bereich des Jazz gelten die sogenannten Jazz Exercises für Klavier, die der legendäre kanadische Jazz-Pianist und Komponist Oscar Peterson (1925-2007) eigentlich for the young pianists schrieb, als Klassiker der Etüdenkunst. Da die traditionelle Zitherszene von brillanten Aus- nahmen abgesehen weder einst noch jetzt dem Jazz gegenüber besondere Sympathien entgegenzubringen vermochte, ist es umso erfreulicher, dass mit den sechs Jazz-Exercises des österreichischen Zitherspielers und Komponisten Harald Oberlechner seit 2008 eine popu- läre kleine Sammlung von Etüden unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades vor- liegt, die inzwischen zum Standardrepertoire vieler am Jazz interessierter Zitherspielerinnen und -spieler geworden ist und sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Wor- an mag dies liegen? Ober- lechners ursprüngliche Absicht war es wohl, dies lässt sich zumindest aus dem Vorwort herleiten, einen Teil der Jazz-Exer- cises von Peterson für Zither zu transkribieren. Dieses gerade in der Über- tragung von Klaviermusik gleich welcher Provenienz durchweg heikle Unterfangen bewog Oberlechner, selbst zur Feder/Zither zu greifen, um eigene Übungsstücke vielleicht weniger im Stile, je- doch ganz im Geiste Petersons zu komponieren. Band 1, 6 Jazz-Exercises, ist 2009 im Psalteria-Verlag Innsbruck erschienen und enthält die auch für weniger erfahrene Spielerinnen und -spieler geeigneten Etüden 1-3. Die teils differierenden Tempoangaben ermöglichen weniger versierten Ausführenden den Zugang zu den ers- ten drei Etüden, die, im Höchsttempo gespielt, einiges an spieltechnischer Erfahrung einfordern. Dass die erste Etüde in rhythmisch veränderter Weise mit dem Kopfmotiv der Tondichtung Till Eulenspiegel op. 28 von Richard Strauss beginnt, ist – falls nicht rein zufällig – ein schalkhafter Verweis auf die humoristi- sche Seite, die den Jazz-Exercises an vielen Stellen innewohnt. Die möglichst schnell (Viertel 152-168) zu spielende erste Etüde bietet in der Oberstimme viele Gestaltungsfreiheiten im Hinblick auf jazzig modellhafte Melodiepattern, während die Unterstimme im jazzigen Tonika-Dominant-Pendel den viertaktigen Phrasen ein harmonisch schlüssiges Gerüst gibt. Dem in Suitensatz- form angelehnten ersten Teil, der aus zweimal vier Tak- ten besteht, schließt sich ein neuntaktiger zweiter Teil an, der das Material variierend zunächst von einem Sub- dominant-Tonika-Pendel grundiert und schließlich zur Dominante abkadenziert wird. Nach einem Da capo des zweiten Suitensatzabschnitts schließt sich nahtlos eine kleine Coda an, die mit einem klassischen Jazz-Akkord das launige Stück beschließt. Die zweite Etüde, fliessend, frei (punktierte Viertel 44-54) erinnert an eine sehr freie Jazz-Version des venezianischen Gondellieds aus den Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn und bildet einen an- genehm wiegenden Kont- rast zu den schnelleren und deutlich jazzigeren Etüden, die das Herzstück des ers- ten Bandes umrahmen. Die dritte und längste Etü- de, Medium Swing (Viertel 116-144), wird mit ei- nem geradezu populären Motto eröffnet. Hier zeigt sich Oberlechner nicht nur als hervorragender Kenner, sondern auch als aufrichtiger Bewunderer Oscar Petersons und trifft am deutlichsten den cha- rismatischen Tonfall des Altmeisters. Ähnlich wie in der ersten Etüde ist der Satz in insgesamt 6 vier- taktige Phrasen mit charakteristischen Jazz-Bass- führungen gegliedert, gibt sich jedoch insgesamt harmo- nisch reicher und vielschichtiger in der Kombination mit der Oberstimme. Ein bemerkenswertes Detail der Vari- ationskunst Oberlechners sei hier beispielhaft erwähnt: Da die Etüde auftaktig beginnt, dieser Auftakt jedoch einmalig bleibt, verändert der Komponist bei der Wieder- kehr des Mottos die Rhythmik und gelangt damit zu einer sehr klassischen Oscar-Peterson-Lesart. Eine achttakti- ge Coda beschließt diese gelungene Jazz-Exercise und weckt Interesse für den zweiten Band. Fredrik Schwenk Harald Oberlechner 6 Jazz Exercises, Band 1 Exercises 1-3 für Zither solo Psalteria-Verlag Innsbruck 12.50 Euro REPERTOIRE |63

Pages