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2013_Zither-Mag_1

W as tut ein aufgeweckter Typ von zehn Jahren, der nicht nur mit den Ohrstöpseln herumlaufen, sondern musikalisch ein eigenes Fass auf- machen will? Debile Popsongs auf einer E-Gitarre nachschrubben, reicht ihm nicht, der idiotische Keyboardkurs kommt für ihn nicht in Frage, welche Optionen hat er also? Er könnte Trompete lernen oder Posaune. Das wäre nicht übel, aber für einen, der auch singen und sich selbst begleiten möchte, unabhängig von einer Kapelle, dem bleiben nur Gitarre und Klavier. Sagt man so. Jetzt kommen die wirklich eigenständigen Köpfe ins Spiel, topfitte Buben und Mädel, denen die Figur des Barden mit der Gitarre zu abgestanden ist, Leute auf der Suche nach einer endcoolen Art des ganzheitlichen Musi- zierens. Diese anspruchsvolle Minderheit braucht ein Inst- rument, das Melodie, Begleitung und Bass bietet, während der multibegabte Interpret dazu singt. Diese unabhängigen Geister landen über kurz oder lang bei Orgel, Klavier, Harfe oder Zither. Orgel spielen kann lästig werden, weil man fürs Üben immer auf den Schlüssel des Mesners angewiesen ist. Außerdem sind sakrale Übungsräume meist nicht geheizt. Klavier scheidet für viele aus, weil die Hellhörigkeit moder- ner Wohnbauten dem unbekümmerten Üben entgegensteht. Harfe ist besonders teuer, erstens in der Anschaffung, und dann braucht man zum Transport auch noch ein größeres Auto. Jetzt zeigen sich die Stärken der Zither, gewaltiger Klang bei geringer Lautstärke, und wenn die Andacht vorbei ist, packt man das Instrument in den Kasten und keinen stört es. Entsprechend ausgeschlafen sind die Leute, die Zither spielen. Eminem kann man mögen, James Brown war auch nicht übel, aber das Coolste, was mir in den letzten sechzig Jahren untergekommen ist, heißt Kraudnsepp. Ein dürrer, alter Mann, der sein Leben lang Knecht auf einem Bauernhof war, singt mit rauer Stimme Lieder von erha- benem Ernst und lebensweisem Humor, und begleitet sich dabei auf der Zither. Das steht wie ein Mo- nument in der Musikgeschichte*). Kaum zu glauben, was für einen Klang seine verhorn- ten Pratzen auf dem kleinen Instrument er- zeugen, ein kleines Orchester. Als Bub wollte ich eigentlich Klavier ler- nen. Eine Stunde kostete damals, Ende der fünfziger Jahre, aber fünf Mark, Zither da- gegen nur Zweifünfzig. Damit war die Ent- scheidung klar, auch weil meine Tante ihre Zither damals abgeben musste. Sie war zu den Zeugen Jehovas gegangen, und damit war es vorbei mit der Gaudi: Keine Zither mehr im Haus und keine Kerzen. Eine Win-Win-Situation würde man heute sagen: Ich hatte eine Zither und meine Tante den Segen Jehovas. Abgesehen von den Blasen an den Fin- gern, die in den ersten Wochen prüften, wie ernst ich es mit dem Instrument lernen nun wirklich meinte, hat mir die Zither immer Glück gebracht. Kaum, dass ich ein paar Stü- cke spielen konnte, bat man mich, beim jährlichen Kaffee- kränzchen des Konsumladens im Gasthaus Staufenbrücke aufzutreten. Heute würde man damit keinen übergewichti- gen Förderschüler mehr vom Nintendo weglocken können, aber 1957 waren fünf Mark plus Limo und Wienerwürstel eine beachtliche Gage. Als die Beatles aufkamen, geriet die Zither vorübergehend aus der Mode, aber selbst da half sie mir: Ich hatte Noten gelernt und das Umgewöhnen vom Zither- auf das Gitarrengriffbrett war eine Sache von drei Monaten. Die weitere Geschichte ist bekannt. Die Beatles lösten sich bald wieder auf, aber die Zither blieb. Egal, ob ich auf den schicksten Bühnen von Hamburg, Berlin oder Frankfurt spiele, den Leute ist sofort klar: Hier hören wir nicht das übliche Gedudel, sondern etwas wahrhaft Cooles. Häuser, Ruhm, Geld, Autos, schöne Frauen, alles recht und gut, aber am Ende gibt es nur wenig so Befriedigendes wie Zither zu spielen. Georg Ringsgwandl *)Das Label Trikont in München hat eine CD mit den Liedern vom Kraudnsepp veröffentlicht. Wasiscool? 79

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