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2013_Zither-Mag_2

Konfliktfeudig aus Tradition

A lles begann 1837: Herzog Maximilian in Bayern lernte am 22. Februar im Bamberger Nationaltheater den Zither- spieler Johann Petzmayer kennen. Fasziniert von dessen Spiel bat er ihn, als seinen Privatlehrer nach München zu kommen. Der Gastwirtssohn, dessen be- geisterndes „naturalisti- sches“ Spiel Zeitgenossen vielfach rühmten, kam aus einfachen Verhältnissen und hatte keine besondere musikalische Ausbildung genossen. Er hatte ein eigenes Besai- tungs-System entwickelt, notierte die Be- gleitsaiten im Violinschlüssel. ZurselbenZeitsuchteder26-jährigeNiko- laus Weigel einen Verleger für sein Schul- werk. Der Münchner Hofmusikalienhänd- lerAiblnahmihnabernichternst,sondern lachte ihn aus, weil er „Zither nach Noten spielen“ wollte. Frustriert veröffentlichte Weigel sein Werk auf eigene Kosten. Er notierte die Begleitung im Bassschlüssel und erfand ein eigenes Besaitungssystem, das auf der musiktheoretischen Grundla- ge des Quintenzirkels basiert. Beide Spielarten fanden Anhänger. Zwar erkannte der Petzmayer-Kreis bald, dass das Weigel-System genialer war und gab es deshalb, leicht verändert, als das seini- ge aus. Die Schreibweise im Violinschlüs- selbehielteraberbei.Anderenahmendie Weigel-Schule mit, als sie München ver- ließen, so der Zitherbauer Anton Kiendl, als er nach Wien ging, oder der Zitherleh- rer Max Albert, der nach Berlin zog. In den 1870er Jahren erreichte die Zither- begeisterung einen ersten Höhepunkt. Zither-Clubs in Leipzig (1872), Hamburg (1873), Augsburg (1874) und München (1875) entstanden. Im September 1877 trafen sich Vertreter von 15 Zitherver- einen sowie Zitherpädagogen in Kassel. Bei dem ersten „Kongress“ wurde Max Albert als erster und der Verleger Rudolf Kabatek als zweiter Vorsitzender gewählt. Als Informationsmedium rief man das „Centralblatt deutscher Zithervereine“ ins Leben, welches von 1. Januar 1878 an monatlich erschien. Um ein Auseinanderdriften der Szene zu verhindern, beauftragte man 1877 eine Kommission aus 13 Zitherlehrern mit der „Feststellung einer einheitlichen Besai- tung und Schreibweise“. Die Münchner Schule, den Violinschlüssel, vertraten Franz Xaver Steiner, Eduard Bayer, Fried- richGutmann,FranzMeyer.FürdieStutt- garter Schule, die zwischen den Lagern pendelte, agierten Placidus Lang und Hans Gruber. Für die Normalschule, den Bassschlüssel, engagierten sich Johannes Pugh, Peter Renk, Rudolf Kabatek, Wen- delin Böck, H. Upmann, Heinrich Möseler und Max Albert. Was den ersten Punkt betraf, die ein- heitliche Besaitung, so einigte man sich und akzeptierte das Weigel-System als Standardsystem. Eine Entscheidung, die dem Erfinder nichts mehr brachte: Er starb im Januar 1878 in „Armut und Verlassenheit“. Anders verhielt es sich mit dem zwei- ten Punkt, der Schreibweise. Denn hier ging es, was die Verleger betraf, um wirt- schaftliche Interessen. Die streitbare Runde vertagte die Entscheidung auf das nächste Jahr. In der Zwischenzeit sollte jedes Kommissions- mitglied seine Argumente schriftlich in einem „Gut- achten“ einreichen und diese im „Centralblatt“ veröffentlichen. Allmäh- lich kristallisierte sich das Abstimmungsverhält- nis 8 : 5 heraus, da sich die Stuttgarter spalteten. Für Zündstoff sorgte, dass die Münchner Gutachten durch eingeschobene „An- merkungen der Redakti- on“ zensiert wurden und sich die jewei- ligen Verfasser durch Kommentare der anderen „Partei“ verunglimpft sahen. Die Wirkung blieb nicht aus: Zum nächs- ten „Kongress“ im September 1878 in Nürnberg reisten die „Münchner“ Bayer und Meyer nicht mehr an. Gutmann und Upmann blieben der ersten Sitzung eben- falls fern, so reduzierte sich die „Dreizeh- ner-Kommission“ auf neun Mitglieder. Nach zähem Ringen entschied man sich für die Bassschlüssel-Schreibweise. Am 27. September 1878 holten die „Münchner“ zum Gegenschlag aus: In den „Münchener Neuesten Nachrichten“ ver- öffentlichten sie einen Aufruf zur „Grün- dung einer oppositionellen Vereinigung undderTrennungvomVerbanddeutscher Zithervereine“. Sie gründeten den „Süd- deutschen Verein“ und lieferten sich mit ihren „Zithersignalen“ einen Schlagab- tausch mit dem „Centralblatt“. Die Streit- lust hielt nicht lange an, der Verein zer- fiel. Die Übriggebliebenen gründeten am 1882 den „Bayerischen Zitherbund“, der sich nach zwei Jahren in „Süddeutscher Zitherbund“ umbenannte. Bis zur Gleichschaltung durch die Na- zis agierten die Zitherverbände neben- einander. Und die Frage mit den zwei Schlüsseln ist immer noch nicht ganz vom Tisch. Petra Hamberger Konfliktfreudig aus Tradition 1877 gründete sich der erste Zitherverband und stritt erst einmal heftig über den Bassschlüssel ZITHERHISTORIE |29

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