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2014_Zither-Mag_3

„naturrein“ gestimmt werden können. Im mittleren Tonhö- hen-Bereich jedoch nimmt unser Ohr sehr genau die Un- terschiede zwischen „reinen“ und „tempe- rierten“ Intervallen wahr, vor allem, weil es unbewusst schnel- le und langsame Schwebungen „zählt“. In „The Alps Blues Clone“ (im Folgenden kurz „Clone“) bin ich von Anfang an von diesen und ähn- lichen Irregularitäten ausgegangen, die in unseren Instrumenten-Stimmungen stecken, in unserer Wahrnehmung, in jeder musikalischen Logik auch. In die- sem komplexen Feld bewegen wir uns als Musiker oder Komponisten ohnehin tagtäglich und suchen Lösungen oder Kommentare. Mein musikalischer „Clone“ (Klon: eine Kreuzung verschiedener Gen- materialien) ist so ein „Kommentar“ oder eine „Fragestellung“. |DurundMoll,„Otonality“und„Utonality“| Zunächst einige einführende Worte zur Tonhöhensprache in meinem „Clone“: Der erste Pol ist der Dur-Akkord, wie er vielleicht konstituierend ist für die tradi- tionelle alpenländische Zithermusik, die ich hier suggeriere. Nachdem ich mit der Akkord-Reihe im Quintenzirkel begonnen habe, mache ich ab Takt 22 eine kleine Verbeugung vor Harry Partch, indem ich auch die Umkehrung des Dur-Akkords einsetze. Diese Umkehrung der Naturton- reihe ergibt eine Moll- bzw. „Untertona- lität“. Partch spricht hier von „Utonality“ (siehe Abb. 2) Mit den 7. und 11. Naturtönen, hier „na- turnah“ mit Mikrotönen dargestellt, er- weitere ich unser altes Dur oder Moll. Mankönnteallerdingsdenken,dassintui- tiv schon die alten Meister die Schönheit dieser Intervalle erfassten und in den al- ten Zwölftonraum einbauten: Schumann, Brahms, Wagner, Skrjabin sind voll von ähnlich angereicherten Akkorden. | Spezielle Stimmung | Um nun die weitere Entwicklung in meinem „Clone“ anschaulich machen zu können, muss ich zunächst auf die Spe- zialstimmung der Griffbrettsaiten der Zither eingehen: Ich gehe von einer „Ton- höhenauflösung“ von 33 Cent (1/6-Ton- Stimmung)aus.Damitkannichmichden reinen Naturtönen schon ziemlich genau annähern (der maximale „Näherungs- Fehler“ liegt bei ±16 Cent). Ein Ganzton, sagen wir von c nach d, beinhaltet damit folgende Tonhöhenschritte. Ich füge da- für in der Partitur kleine Pfeile an, die Ak- zidentien, wie in Abbildung 3 zu sehen. Die Freisaiten sind normal, die Griff- brettsaiten wie in Abbildung 4 gestimmt. Das Ganze gilt sowohl für die Diskant- als auch für die Basszither, die ich in meinem „Clone“ ja beide einsetze, ge- spielt von einem virtuosen Spieler. Wo ich Mikrotonlücken in der Diskantzi- ther habe, kann ich sie mit Tönen der Basszither ausfüllen, und umgekehrt. Aber über einen großen Umfang ist je- des dieser Instrumente autark-mikro- tonal. | Das menschliche Gehör als Inspiration | Mein Anliegen im „Clone“ ist nun aller- dings nicht damit erschöpft, dass ich unser altes Dur und Moll mit den Tönen 7, 11, 13 etc. in möglichst „naturnaher“ Form anreichern will. Diese Dur/Moll- Welt, hier mein genetisch „alpiner“ Raum, steht für den vertraut-alten Harmonie- raum, den ich um einen wichtigen „Frei- heitsgrad“ erweitern möchte. Ich könnte auch sagen, ich möchte ihn „relativieren“, und zwar ganz anders als etwa Arnold Schönberg und die Schönberg-Nachfol- germitihrerZwölftonmusik.Mirsindgro- ße Teile der alten „Neuen Musik“ suspekt, sofern Harmo- nik, und damit auch harmonie- orientierte Melo- dik, neutralisiert wurde - und lei- der immer noch wird. Ein graues, diffuses Zwölfton- feld, wo alle Töne austauschbar sind, lehne ich ab. Welchen Weg also habe ich beschritten, um den großen Anony- maten zu verlassen? Ich bin dazu den Weg der physiologisch- psychologischen Hörforschung gegangen – ohne allerdings ein Spezialist geworden zu sein. Aber ich spüre die Schönheit der endlosen Fragestellung: Die Naturwis- senschaftler bilden Hypothesen darüber, wie unser Gehör funktioniert. Und die besten unter ihnen wissen, dass wir uns nur asymptotisch dem Phänomen nähern Abb. 2: Umkehrung der Naturtonreihe Abb. 3: Tonhöhenschritte Abb. 4: Griffbrettsaiten-Stimmung AUSSENANSICHT | 15

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