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2014_Zither-Mag_3

können. Wir können zwar schnell heraus- bekommen, wie die Gehörknöchelchen funktionieren, aber wie oder warum bei- spielsweise die Sinneszellen in der Coch- lea von selbst „Differenztöne“ bilden: das zu erklären wird umso unmöglicher, je genauer der Forscher sein will. | Das Ohr als selbständiger Tonerzeuger | Ich als Musiker verstehe, was effektiv im Innenohr an Tönen erzeugt wird, und ich reagiere komponierend darauf. Das Ohr erzeugt Töne? Das klingt vielleicht für einige unter den Lesern überraschend: Aber es ist tatsächlich so, dass unser Ohr nicht nur ein Verarbeiter von Sinnesein- drücken von außen ist, sondern selbst ein Lautgeber, ein Produzent von Tönen. Wenn ich etwa eine Naturterz ins Ohr spiele, die bekanntlich im Intervallver- hältnis von „5:4“ steht, erzeugt das Ohr zu- nächst den sogenannten „quadratischen“ Differenzton, indem es „rechnet“: „5 - 4 = 1“. Wir hören einen Ton, der dem Grund- ton eines Dur-Akkords entspricht, eben Ton 1 der Naturtonreihe. Wohlgemerkt: Er existiert nicht im Schallsignal, ist aber auf der menschli- chen Basilarmembran existent und mit einem Mikrofon am Ohr messbar! Ähnliches geschieht mit dem sogenann- ten „kubischen“ Differenzton, der mit 2f2-f1 angegeben wird, also in unserem Fall „2x4 – 5 = 3“, der damit aber beilei- be nicht ausreichend beschrieben ist. Er umfasst nämlich nicht nur einen einzigen Ton im Ohr, sondern bildet eine ganze Kaskade an Tönen! Dieser „kubische“ Ton interessiert mich besonders. Er spielt für die weitere Ent- wicklung meines „Clone“ die entschei- dende Rolle, weil er es vermag, den Dur- Akkord zu „verallgemeinern“, das soll heißen, als lediglich einen Pol einer von uns erlebbaren Harmonik zu verstehen. Im naturreinen Dur-Akkord ist der spezi- elle Fall erreicht, wo eine Naturtonreihe mit allen Differenztönen ineinander fällt. Beispiel: DiePrimärtöne5und4(dieDur-Terz)er- geben in Differenztönen kubisch die wei- teren Töne 3 (in der kubischen Kaskade auch 2) und quadratisch 1 (siehe Abb. 5). In der gleichschwebenden Stimmung am Klavier ist jedoch, wie anfangs be- schrieben, die Dur-Terz nicht exakt rein, sondern enger gestimmt. Was geschieht nun bei einer solchen „Verzerrung“ der Stimmung mit dem kubischen Differenz- ton und seiner Tonkaskade? Wir hören in unserem Ohr als „Klangschatten“ ein schwebendes Gebilde, welches den er- warteten „einfachen“ Naturtonaufbau verfehlt. Er erzeugt also seine ganz eige- ne „Naturtonreihe“, bzw. seinen eigenen Ausschnitt davon. | Verzerrte Schatten - Alpenblues | Ich sagte mir an diesem Punkt, dass ich all diese neu sich ergebenden „Schatten“ zu den einfacheren Intervallen ebenso akzeptiere wie den einfachen Naturton- aufbau, zumal diese „Schatten“ im Ohr ebenso real produziert werden. Und ich baute daraufhin ein mathematisches Mo- dell von kubischen Kaskaden. Diese wan- dern in ihrer Entwicklung automatisch immer wieder durch „einfache“ Naturton- folgen. Ich hatte immer unser einfaches Dur als den einen Pol meines „Clone“ im Gedächtnis, und immer wieder sollten meine Harmoniefolgen sich auf das „alpi- ne Gen“, auf jenes Dur, beziehen, von dem herzukommen ich mir die Zither vorstell- te. Frecherweise „verzerrt“ allerdings die kubische Kaskade oft die einfachen Inter- vallverhältnisse der Dur/Moll-Welt. Das mache ich mir aber zunutze. Nach einigen Experimenten ergaben sich schließlich zwei Lösungen, um mein Ton- material für den „Clone“ zu gewinnen: 1. Ich teilte den Tonraum Kontra-C bis a4 in sieben gleiche Hertz-Abstände, analog zu einer kubischen Kaskade. Diesen Ton- raum schrumpfte ich kontinuierlich (das Rahmenintervall wird also immer enger), blieb aber bei der Siebenerteilung. Das sind wohlgemerkt gleiche Hertz-Abstän- de, keine „gleichen Intervalle“! Das Bei- spiel beginnt mit meinem „Akkord 4“, das ist der erste in „Clone“ verwendete (hier der Akkord und seine geschrumpften For- men, siehe Abb. 6, S. 17 oben). 2. Für die spätere „zweite Strophe“ von „Clone“ teilte ich denselben Tonraum flexibel sehr viel feiner, vor allem, um mehr Töne im Bassbereich zu erhalten. Die engeren Intervalle, die sich daraus ergeben, sind das Ausgangsmaterial für eine „Blues“-artige Melodie, die den „Clo- ne“ durchzieht. Eigentlich ist der „Blues“ nur erahnbar, das Wort war für mich eher ein „Platzhalter“ für meine melodischen Ideen. Eine Verwandtschaft zum Blues gibt es aber doch: durch die mikrotonalen Abb. 5: der „kubische" Ton 16 | AUSSENANSICHT

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