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2014_Zither-Mag_3

men, die Schnecke die Abfolge von einzelnen Bussen als eine lange kontinuierliche Linie sieht. All die einzelnen Busse werden zu einem stabilen substanziellen Objekt, wel- ches regelmäßig seine Dichte ein wenig verändert. Im Gegensatz dazu sieht die Fliege mit ihrer sehr hoch ent- wickelten und in sehr großer Geschwindigkeit arbeitenden visuellen Wahrnehmung in meiner Vorstellung einen einzel- nen Bus als ein substanzloses Aggregat von unterschiedlich schnell pulsierenden Lichtimpulsketten und nicht wie wir als ein stabiles Objekt, das wir „Bus" nennen. Wenn man die europäische Musikgeschichte betrachtet, kann man eine interessante Entwicklung beobachten. Über Jahrhunderte hat man für etwas, was eigentlich ein sub- stanzloser Prozess ist, nämlich sich in der Zeit entfaltender Klang eine Schriftform zu finden versucht. Die Entwicklung führte von einem eher fließenden graphischen Gebilde, welches Handzeichen abbildet, zu einem Notationssystem, welches eine Grundfigur der westlichen Interpretation der Wirklichkeit überhaupt widerspiegelt: Den Dualismus zwi- schen Substanz und Attribut. Man hat durch die Art der No- tation einen Aspekt von Klang als Substanz definiert (die Tonhöhe) und alle anderen Klangeigenschaften (Klangfar- be, Lautstärke etc.) als bloße Attribute angesehen. Durch die Quadratnotation ist aus einem mehrdimensiona- len Prozess ein klar definiertes festes Objekt geworden. Die- se Art von Notation ermöglichte dann ein auf die musika- lische Struktur zugreifendes Denken in den Begriffen von Substanz und Objekt. Durch dieses Notationsdenken erst kann man in Analogie dazu, wie wir visuell oder haptisch wahrgenommenes kategorisieren, „Stammtöne“ denken, die einefunktionaleSubstanzbilden,diedann„ausgeschmückt“ wird. Erst durch die Notation gibt es die Möglichkeit, in mu- sikalischen Objekten zu denken, die eine Funktion erfüllen, und Ornamente, die mit der Funktion nichts zu tun haben und zur Zierde, als „Verzierungen“ dienen. In der Kunst- und Musikgeschichte war die Haltung ge- genüber Ornamenten starken Schwankungen unterworfen. Eine extreme Position bezog der Architekt Adolf Loos und faßte sie in seinem berühmten Satz „Ornament ist Verbre- chen“ zusammen. Seine künstlerische Position war die der klassischen Moderne: Form folgt der Funktion. Was immer zu sehen ist, ist notwendig für die Funktion eines Objektes. Mit den Begriffen des Substanz-Attributs Dualismus könnte man seine Position folgendermaßen zusammenfassen: Alles Überflüssige soll vermieden werden, bis das, was man sehen kann, die pure Substanz ist. Durch das Bilderverbot einerseits und den Versuch, Unend- liches künstlerisch zu repräsentieren, war die Islamische Kunst gezwungen, einen völlig entgegengesetzten Weg zu gehen und hat es geschafft einen äußerst bemerkenswerten Paradigmenwechsel zu vollbringen: Das Ornament ist nicht mehr das Attribut, die Kunst selbst ist zum Ornament ge- worden, im Kontrast zu Adolf Loos wurde alles Substanziel- le entfernt bis alles, was es zu sehen gibt, reines Ornament ist. Man könnte sagen: Das Attribut wurde zur Substanz und dadurch der grundlegende Dualismus gelöst. Auf ornamen- talen Formen beruhende und abstrakte Kunst ist befreit von jedem konkreten und narrativen Inhalt, der Kunstwer- ke anderer Traditionen oft begrenzt (=definiert). Musik ohne das Ziel, etwas Außermusikalisches abzubilden oder auszudrücken, kann erlebt werden als das sich freie Ent- falten von Klang in der Zeit, als Zeit hörbar gemacht durch Klang. Und ist nicht gerade das eine zentrale Fähigkeit von Kunst: mit ihren Mitteln den ungesicherten Bereich jenseits von Denken und Sprache zu erforschen und zugänglich zu machen, Räume zu öffnen und nicht durch Definitionen zu begrenzen und uns dadurch zu ermöglichen, eine andere Form von Wahrnehmung zu erleben. Kunst ist beheimatet im Bereich jenseits von Inhalt und Ge- schmack und indem sie nichts sagt, sagt sie vielleicht alles. "Und du siehst die Berge, die du fest gegründet glaubst, doch sie bewegen sich wie die Bewegung der Wolken." Koran Sure 27/89 Das besondere Konzert | 43

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