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2014_Zither-Mag_3

iert. Auf diese Weise entstehen kleine und kleinste Mikroin- tervalle. Damit ist das Kanun das Instrument par excellence für die morgenländische Improvisationskunst, abhängig von Tages- und Jahreszeiten, vom jeweiligen Seelen- und Gemüts- zustand, aber auch vom Charakter und Können des Spielers. Gestimmt wird das Kanun mit einem meist reich verzierten Schlüssel aus massivem Metall, der direkt an den über den Saiten liegenden Stimmwirbeln ansetzt. Gezupft wird das ursprünglich locker auf den Knien ruhende Instrument heute meist auf einem speziellen Spieltisch. Die rechte Hand spielt für gewöhnlich die hohen, die linke die tiefen Töne. Letztere ist außerdem für das blitz- schnelle Umlegen der Stimmhebel zuständig. Shaker selbst – wie auch einige andere Virtuosen – lehnt sowohl Spieltisch als auch den Gebrauch der beiden Zeigefingerplektren ab. Er braucht den direkten Kontakt zu seinem Instrument, um dem unter der Textur aus Holz liegenden Puls zu lauschen. „Ich muss das Kanun fühlen, um mit ihm eins zu werden und mit ihm zu fliegen.“ Shaker sitzt im Schneidersitz auf dem Boden oder auf einem niedrigen Schemel und zupft die Saiten statt mit Plektren aus Metall mit den langen Nägeln beider Hände. Bei der rechten Hand kommen bis auf den kleinen alle Finger zum Einsatz, bei der linken nur Daumen und Zeigefinger. Er setzt seine Hände ähnlich wie ein Pianist ein: Die Ton angebende Rechte ist für die Melodie zuständig, die Linke über- nimmt die Begleitung und den Wechsel zu den jeweiligen Modi. Während Shaker mit geschlossenen Augen improvisiert, schwingt das locker auf den Knien bzw. Oberschenkeln ruhende Kanun rhythmisch auf und ab und mutiert zuweilen auch zum Perkussionsinstru- ment. Vor allem im Zusammenspiel mit Tabla, Oud, Nay oder Rababa, wo der Kanunspieler als Chef des orientalischen Orchesters quasi die Rolle des Dirigenten übernimmt. Mit seiner modernisierten Spielweise hat Shaker damals eine kleine Revolution ausgelöst. Sein direktes und dynamisches Spiel war neu und unerhört: Ein Künstler, der mit dem Kanun tanzt, ihm Töne entlockt, indem er die Saiten mal zärtlich streichelt, mal hart anreißt und zuweilen sogar energisch schlägt. Diese individuelle Art des Spiels ist nach wie vor einzig, nicht aber der Einsatz mehrerer Finger. Das ist zwar immer noch unkonventionell, aber längst keine Ausnahmeer- scheinung mehr. Shaker versuchte zudem das Kanun, das wie fast alle orien- talischen Instrumente insbesondere zur Begleitung der frei improvisierenden Sänger diente, aus dieser engen Umar- mung herauszulösen, und komponierte auch rein instrumen- tale Stücke. In einer Musiktradition, die ohne Gesang kaum vorstellbar ist, steht bis heute – durchaus mit der westlichen Popmusik vergleichbar – der Sänger oder die Sängerin im Mittelpunkt. Die Namen der Musiker geschweige denn der Komponisten kennt kaum jemand. „Als ich angefangen habe zu studieren, kannte man das Kanun in Ägypten fast aus- schließlich als Begleitinstrument – reine Solo-Konzerte, wie sie heute gegeben werden, waren undenkbar.“ Im Mittelpunkt standen und stehen auch heute noch fast immer die Sänger, heiß verehrte, populäre Stars. Zwar gibt die orientalische Musik- tradition auch Raum für beeindruckende Solo-Einlagen der jeweiligen Instrumente. Dennoch tritt die Musik stets hinter dem alles dominierenden Gesang zurück. Das wollte Shaker ändern. In Shakers Kompositionen übernimmt das Kanun häufig die Rolle des Sängers, was nachvollziehbar ist, da sein nuancen- reicher Klang den Möglichkeiten der menschlichen Stimme wohl am nächsten kommt. Er befreite das Kanun von seinem damals reichlich verstaubten Image, indem er es zusammen mit anderen volkstümlichen Instrumenten wie Nay und Ra- baba aus der traditionellen orientalischen Musik herauslöste und auch oder gerade im Zusammenspiel mit europäischen Instrumenten zu neuem Glanz brachte. Mit dem Kanun im Gepäck hat er die unterschiedlichsten Musikkulturen der Welt besucht, sich von ihnen inspirieren lassen und das Klangspektrum seines Instruments Stück für Stück erweitert. In den letzten Jahren galt sein besonderes Interesse der Musikkultur Südspaniens. So hat er zusammen mit dem spanischen Fla- menco-Gitarristen Tomatito die Grenzen und Möglichkeiten des Flamencos ausgelo- tet und mit dem „Fallahmenco“ einen eigenen Stil entwickelt, in dem sowohl der ohnehin von der arabischen Musik beein- flusste Flamenco steckt als auch Fallahi, die alte, volkstümli- che Musik der Nilbauern. Die orientalische Zither ist ein Instrument, das Kulturen über Zeiten und Grenzen hinweg zu verbinden vermag. Ein Alles- könner, der sich auf jeder nur denkbaren Bühne bewährt. Spi- rituell und sanft erklingt das Kanun in Kirche oder Moschee, berührt mit ägyptischer Tempelmusik aus der Zeit der Pha- raonen, mit uralten koptischen Melodien oder trance-artigen Sufi-Klängen. Im Konzertsaal oder im Opernhaus hingegen entfaltet die orientalische Zither ihren vollen Klang, spielt Stü- cke der arabischen Klassik und geht auch auf Tuchfühlung mit europäischer Musiktradition. Sie kann aber auch Clubs und Festivals rocken. Mit gut abgehangenem Jazz oder groovendem Multikulti-Weltklang, ja sogar Arabo-Pop und HipHop spricht das Kanun inzwischen. „Es ist alles nur eine Frage von Wollen und Können“, meint Shaker, „das Instrument folgt dem, was der Künstler vorgibt.“ „Ich muss das Kanun fühlen, um mit ihm eins zu werden.“ Brückenbauer zwischen Orient und Okzident VERWANDTSCHAFTENVERWANDTSCHAFTENVERWANDTSCHAFTENVERWANDTSCHAFTEN ||49

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