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2014_Zither-Mag_3

Fredrik Schwenk Insaturabilien 2 Der Begriff insaturabile (uner- sättlich), den Fredrik Schwenk in den biblischen Sprüchen des Agur entdeckte, inspirierte den Komponis- ten zu einer Serie von Werken, in die sich Insaturabilien 2 als viereinhalb- minütiges Solostück einreiht. Die formale Anlage der Komposition ist als ein einziger, großer Bogen zu verstehen, samt abschließender Coda, die das Stück in veränderter Licht- stimmung ausklingen lässt. Schwenk verfolgt dabei das strenge wie natür- liche Formprinzip von „Spannung und Entspannung“, „Wachstum und Rück- zug“, das man bis ins kleinste Detail hinein wiederentdecken kann – eine geradezu „klassische“ Methode, die hier jedoch niemals akademisch wirkt, sondern stets eine raffinierte Anwendung findet. Ebenso „klassisch“ erscheint die Gesamtdramaturgie, denn das Stück lässt sich ohne Mühe in bis zu fünf Ab- schnitte gliedern, die auf engstem Raum den Gesetzen des fünfaktigen antiken Dramas folgen. | Zweitaktige Keimzelle | Insaturabilien 2 beginnt mit einer signifikanten, zweitaktigen „Keimzelle“, aus dem das ganze Stück heraus entsteht. Es handelt sich dabei um eine ruhi- ge, pendelnd wiederkehrende Figur im dreifachen Dreier- takt (das historische „tempus perfectum“), deren Ambitus sich stets erweitert und die bei jedem erneuten Ausschlag weiter aufwärts schwingt. Zweistimmig angelegt beginnt die Oberstimme mit einem Sekundschritt nach oben, von „f“ nach „g“. Dabei wird der erste Ton in den Freisaiten verdop- pelt (also mit einem speziellen „Nachhall“ versehen) und er- scheint zudem als oktavierte, „eintönige“ Bassstimme („F“). Der zweite Teil dieses „Themas“ wiederholt das Motiv in der Oberstimme eine Quint höher, diesmal jedoch abwärts gespiegelt, während der Bass eine Sekunde aufwärts steigt und nun das „G“ anschlägt. Bereits hier erkennt man das angesprochene An- und Entspannungsprinzip, das zudem eine tonale Verschränkung von Sekund- und Bass-Stieg (bzw. -Fall) beinhaltet. Diese Anfangsgestalt lässt bereits eine konkrete, figurative Deutung zu, denn wie beim Durch- queren eines verschneiten Feldes wird hier jeder beharrlich ausgeführte Schritt durch einen gewissen Ballast festgehal- ten – aus jeder Spur im Schnee muss man sich mit Nachdruck befreien, um weiterzukommen. Zwölf Mal wird diese Bewegung wiederholt, während- dessen die Oberstimme immer weiter aufblüht und den leeren Hallraum der Takte bis in den hohen Diskant hinauf ausfüllt. Die so entstehende Melodie bezieht ihr Material dabei stets von den anfangs eingeleiteten Sekund- und Quint-Schritten. | Labyrinthischer Kanon | Erst ein alles veränderndes „As“ im Bass (Takt 26) lenkt den Wanderer in eine andere Richtung, hin zu einem repetierten, tritonisch verhakten Klang, beste- hend aus einem „G“, einem darüber- liegenden cis-Moll-Septakkord sowie einer nachschlagenden Quart „g1-d1“. Aus diesem doppelzüngigen Gebilde heraus startet ein labyrinthischer, zweistimmig enggeführter Kanon, der wiederum zu dem zu- vor beschriebenen Akkord zurückkehren muss und diesen bis zur Erschöpfung repetiert. So einer scheinbar auswe- glosen Situation folgt im klassischen Drama gewöhnlich die „Peripethie“, die plötzliche, schicksalshafte Wendung. In der Komposition ist dieser Punkt erkennbar in einer subito meno mosso und subito piano einsetzenden, bogenartig auf- und absteigenden Monodie: eine plötzliche Aufhellung der Situ- ation, markiert von einem A-Dur-Akkord mit „schwebender“ Quinte „E“ im Bass (Takt 64). Sie eröffnet die Rückführung in einen beruhigten, reprisenartigen Abschnitt, der das Wan- derer-Motiv des Anfangs erneut aufnimmt. | Schwebender Abgesang | Nach wenigen Schritten mündet der Weg aber diesmal in „friedlichere“ Gefilde, was durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn die nun anklingende Coda trägt in traumwandlerischen Flageolett-Klängen ein melodisches Zitat des Renaissance-Komponisten Pierre de la Rue in vor sich her: das „Dona nobis pacem“ aus der Missa „L'homme armé“. Grundiert wird dieser schwerelos schwebende Ab- gesang von einer in tiefster Tiefe turbinenartig repetierten Quinte „As-Des“. Ob alle Dämonen bezwungen sind, bleibt am Ende offen, denn mit dem verklingenden „g1“ des Can- tus firmus verschwinden vorerst auch die querstehenden Bass-Fragmente im Nichts. Leopold Hurt Fredrik Schwenk, Insaturabilien 2 für Diskant- oder Altzither - solo Schwierigkeitsgrad: 4 Verlag Edition Zither Waging am See 2001 Verlagsnummer: EZ NM 03-2, ISMN: M-700205-07-2 Preis: 12,50 Euro REPERTOIRE |59

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