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2014_Zither-Mag_3

Tötet den Landler!

TötetdenLandler! NACHSATZ |79 Flughafen-München, Sicherheitskontrolle. Tausendfache Routine. Laptops werden ausgepackt, Ledergürtel aus den Hosen der Businessanzüge gezogen, alles wird brav auf das Fließband gelegt, obendrauf die Geldbeutel und Smartphones. Für die nächsten 20 Sekunden wird man nicht er- reichbar sein, Panik herrscht in den Män- nergesichtern. Doch mittendrin schiebt sich ein schmaler, schwarzer Koffer durch die Schleuse. Hinter dem Bildschirm ruft ei- ner: „Was ist das? Franz, komm mal.“ Dieser Franz kommt und schaut. Er freut sich und grinst: „Des is ja a Zither.“ Man lässt mich auf das Röntgenbild schau- en. Für den unmusikalischen Nichtbayern ist das, was er sieht, definitiv eine Bombe. Etliche Drähte spannen sich quer über das Bild, kleine Schrauben, Ösen und Buchsen aus Metall sind deutlich zu erkennen, rechts unten an dem mysteriösen Gerät ist technisches Zeug ange- bracht, wieder Drähte. Zum Glück hat eine Zither keinen Wecker eingebaut. Die Röntgenfarben sind toll, Rot, Violett, samtweiches Grün. Meine Zither wird durchleuchtet, aus Spaß sage ich: „Ui, kein Bruch, keine Geschwulst. Die is gs- und.“ Aber Franz sagt: „Gäh, spielens was vor.“ Ein paar Takte vom Dritten Mann genügen und es herrscht Begeisterung. Beim Personal. Die Business-Men finden's kindisch und fä- deln grantig, aber verwirrt, ihre Gürtel wieder ein. Ich weiß nicht, wie oft am Sicherheitscheck des Flughafens Zither gespielt wird, aber mit diesem Ritual beginnen viele meiner Tourneen. Die Zither in der modernen Welt: Das passt für viele nicht zu- sammen. Sie ist noch nicht da angekommen, wo sie hingehört. Das Instrument (und damit auch ihre Spieler und Spielerin- nen) wird unterschätzt. Immer noch. Das ist weniger ärger- lich als blödsinnig. Ich habe Notenblätter, die sind nun bald einhundert Jahre alt. Darauf sind Zitherstücke notiert, die hundsmiserabel schwer zu spielen sind, temporeich und aus- drucksstark, melodisch verzwackt, technisch verzwickt. Großartige Unterhaltungsmusik war das. Gespielt in „Salons“. Diese sogenann- ten Salons gibt es längst nicht mehr. Für die breite Öffentlichkeit gab es „die Zither“ nur noch in den alpenländischen Durchhalte- filmen der Nazis, dann wieder in der Nach- kriegszeit, wenn sich Bub und Dirndl verlieb- ten, getrennt wurden und am Ende wieder trafen. All das hat die Zithermusik überlebt. Sogar den Ausflug ins Sex-Business. Wenn in den Softpornos der Siebziger die Oberweiten blitzten und es in den Lederhosen angeblich gejodelt hat. Da spielte ein Zitherknab‘ hinter wackelnden Brüsten und Hinterteilen gern seine Landler. Zu dieser Zeit habe ich bei Frau Maier das Zitherspiel erlernt. Sie war in meinen Augen uralt. Vom wahren Unterschied zwi- schen Mann und Fau hatte ich noch keine Ahnung. In der Ju- gend dann war Zitherspiel uncool. Auf die Wiesn ging man in Jeans und Lederjacke. Die wenigen mit Tracht waren die Dep- pen. Jetzt ist Renaissance. Tracht gilt was. Traditionelle Musik auch. Der Landler droht schon wieder zu kommen. Weg mit ihm! Der hat an der Zither nix mehr verloren. Die Zither ist die großartigste Musikmaschine der Welt. Ihre Historie reicht zu- rück bis in die früheste Kulturgeschichte. Das zeigt der Verlauf der Instrumentengeschichte: Trommel – Zither – Drum-App. Ich zerre die arme Zither auf die Kabarettbühne. Das macht mir Spaß, den Leuten auch. Auch wenn sie hinterher sagen: „Das Hackbrett war das Beste.“ Daher mein Plädoyer an alle Zitherspieler dieser Welt: 1. Mehr Konzerte am Flughafen. 2. Tötet den Landler! Christian Springer Christian Springer ist Kabarettist, Autor und Zitherspieler. Im Fernsehen bekannt wurde er vor allem durch die Figur des Fonsi, der als Kassenwart von Schloss Neuschwanstein über die Welt grantelt. Gemeinsam mit Michael Altinger hat er den „Schlachthof“ in der Nachfolge von Ottfried Fischer übernommen. 2013 erhielt er den Kabarettpreis der Landeshauptstadt München. Springer, der Semitistik, Philologie des christlichen Orients und bayrische Literaturgeschichte studierte, hat 2012 den Verein Orienthelfer gegründet. Seither fahren er und sein Freiwilligenteam regelmäßig in den Libanon und nach Jordanien, um Flüchtlingen, aber auch Einheimischen zu helfen.

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