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2014_Zither-Mag_2

als sechs Jahre ist es her, als ihr der ehemalige DZB-Präsi- dent Heinz Mader bei einer Bundesdelegiertenversammlung von der Notensammlung aus dem Nachlass Toni Gößweins erzählte, die in zwölf Bananenschachteln im Archiv gelandet war und dort eingeordnet werden sollte. „Da dachte ich spontan, das würde ich gern machen, schließ- lich war Toni ein guter Freund von mir gewesen“, erinnert sich Gertrud Wiegele. Sie verabredete sich mit Ralf Colin, der bis dahin das Archiv betreute. Irgendwann muss an die- sem ersten Tag im Keller ein Begeisterungsfunke gezündet haben. Denn obwohl der Weg von ihrem Wohnort München nach Trossingen nicht der nächste ist, hat sie inzwischen ins- gesamt 55 Tage im Archiv verbracht. „Ich bin so richtig einge- taucht in die alten Schätze.“ Mit dem stolzen Ergebnis, dass die Bestandsliste von damals 1600 auf 5142 erfasste Posten angewachsen ist, wobei allein 2100 Exponate aus der Samm- lung Gößwein stammen. Der Raum selbst steht dem Deutschen Zithermusik-Bund seit 2001 zur Verfügung. Damals baute die Musikakademie Tros- singen eine neue Bibliothek und bot dem DZB und anderen Musikverbänden im Keller Regalflächen an. Aus dem beschei- denen Anfang hat sich inzwischen ein wohl sortiertes Archiv entwickelt, dass jedem Musikwissenschaftler und Zither- spieler zur Verfügung steht. Gertrud Wiegele, die selbst von Kindheit an Zither spielt und in Trossingen den B-Lehrgang absolvierte, weiß inzwischen mit den alten Dokumenten um- zugehen.„IndieseArbeitwächstmanrein“,sagtdie68-Jährige. Sie weiß, dass auffallend viele Stücke Großmüttern gewidmet sind, nur ein einziges einem Großvater. Und sie schwärmt von den aufwendig gestalteten, reich verzierten Ausgaben früherer Jahrhunderte oder den technisch äußerst anspruchsvollen Stücken eines Emil Holz. Tatsächlich kann man sich schnell in den Tiefen des Archivs verlieren, die Unterlagen aus der Gründerzeit des Süddeut- schen Zitherbundes studieren, in den Briefen von Placidus Lang lesen und über die aufwendigen Patenturkunden des Königsreich Bayerns schmunzeln. Eigene Geschichten er- zählen die Widmungen und Anmerkungen, die die Noten- blätter zieren: „Nie schneller als schön“ schrieb etwa Arno Reichenberger unter eine „Fantasie“, die er 1987 für Toni und Sabine Gößwein schrieb. Und wer im „Preis-Courant“ von Lorenz Kriner blättert, staunt über die Preise, die damals im Vergleich zu anderen Instrumenten für Zithern bezahlt wurden. Der königliche Hofinstrumentenmacher in Stuttgart verlangte 1874 für eine Violine zwischen 7 („ordinär“) und 72 Mark („ganz fein“). Bei den Cellos reichte die Preisspanne von 36 bis 100 Mark. Von seinen „ganz neu erfundenen ge- wölbten Patent-Salon-Zithern“ kostete dagegen die billigste 31 Mark („Nussbaumfournier, gebeizt, weisse polierte Zapfen, Neusilber-Bund“), die teuerste in „Ebenholz oder Palisander mit sechssaitiger Maschine, nebst reicher Perlmuttereinlage, Elfenbein-Griffbrett“ aber 300 Mark. Extra kleine Schüler- zithern um 21 Mark baute er übrigens auch: „Diese Zithern werden später mit Vergnügen auch zurückgenommen, wenn man ein grösseres Instrument benötigt.“ Im Archiv gibt es noch unendlich viel zu tun: Bislang ist nichts digitalisiert, es existiert kein Sachwortverzeichnis. Wer nach einem Stück sucht, findet es nur, wenn er den Kom- ponisten kennt. Noch fehlen die meisten Stücke zeitgenössi- scher Komponisten. Zeitschriften und Tonträger sind noch gar nicht aufgearbeitet und erfasst. Zum Glück halten sich auch die Anfragen von Musikern und Wissenschaftlern noch in Grenzen. Um sie kümmert sich Roswitha Blocher, die in der Nähe von Trossingen wohnt und gelegentlich ins Archiv fährt, Noten kopiert und verschickt (erreichbar per E-Mail unter UweBlocher@t-online.de). Originale sollten, da war sich die Bundesdelegiertenversammlung in der jüngsten Sitzung ei- nig, nicht mehr ausgeliehen werden. Und selbstverständlich werden auch keine Noten fotokopiert, die es zu kaufen gibt oder an denen Verlage Rechte besitzen. „DieArbeitmachtmirvielSpaß“,sagt GertrudWiegele. „Aber alles dauert länger, als ich es mir vorgestellt habe“. Manch- mal tut es ihr ein wenig leid, dass sie inzwischen so wenig Zeit hat, selbst Musik zu machen. Sie seufzt ein bisschen, dreht sich um und verschwindet wieder in den Tiefen des Archivs. Da die Münchnerin Gertrud Wiegele nicht immer in Trossingen sein kann, arbeitet Ros- witha Blocher (links) als Ansprechpartnerin vor Ort im Archiv mit. ARCHIV |39

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