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2014_Zither-Mag_2 - Repertoire

Charakterstück für Zitherquartett

Mauricio Kagel Charakterstück für Zitherquartett Das „Charakterstück“fürZitherquar- tett des 1931 in Buenos Aires gebo- renen und 2008 in Köln verstorbenen KomponistenMauricioKagelwirdgerne alsprominentesBeispielfürdieVerwen- dung der Zither im Kontext der musika- lischen Moderne genannt. Wenngleich dieses Stück tatsächlich eine der raren Begegnungen zwischen der Welt der eu- ropäischen Nachkriegsavantgarde und dem damals noch als „gutbürgerlich“ angesehenen Instrument darstellt, ist dieses technisch anspruchsvolle Werk im musikalischen Alltag doch recht sel- ten zu hören: Grund genug, die Kompo- sition und deren konzeptuellen Hinter- grund näher zu beleuchten. | Hintergründige Titel | Das rund fünf- minütige Quartett ist Teil eines grö- ßeren Zyklus von selbständig aufführ- baren Kompositionen mit dem Titel „Programm – Gespräche mit Kammer- musik“,derunteranderemauchStückefürAkkordeonquintett oder Zupforchester enthält. Allen Werken gemeinsam ist eine fast häppchenhafte Kürze sowie die auffällige Verwendung von Besetzungen der Unterhaltungs-, Kirchen- und Laienmusik. Bei der Gesamtaufführung des Zyklus werden die Teile von „Gesprächen über Musik“ unterbrochen. Der Komponist spielt bewusst mit Erscheinungsformen der bürgerlichen Musikkul- tur, die er konterkariert und in ihrer Funktion hinterfragt. Die Stücke mit ihren hintergründig-grotesken Titeln dienen somit als ironisches Vehikel für ein Nachdenken über Musik, beson- ders wenn (wie in der Uraufführung geschehen) zwischen den Werken intellektuelle Gesprächsrunden eröffnet werden. | Verfremdungseffekte | Kagel macht sich jedoch weder über unsere Kultur noch über deren Rezeption lustig, sondern wen- det in allen Teilen starke Verfremdungseffekte an, die uns als Hörer über allzu liebgewonnene, bisweilen stark verstaubte Traditionen kritisch reflektieren lassen. Man stellt sich unmit- telbar die Frage, was die dargebotene Musik uns heute noch zu sagen hat. Dass er in diesem Zusammenhang ein Zitherquar- tett auftreten lässt, zeigt deutlich, wo das Instrument noch in den Siebzigerjahren verortet wurde: Die Zither vermittelt hier eine bürgerliche Musikkultur, die arg in die Jahre gekommen ist und im Rahmen der Avantgarde eher als Fremdkörper und Ikone der „guten alten Zeit“ denn als in- novativer Klangträger taugt. | Collage-Technik | Kagel begegnet dem Ganzen aber auch mit spitzbübischem Witz. So bezieht sich der Titel „Cha- rakterstück“ auf die beliebte Marotte von Salonzither-Komponisten, ihren Werken assoziative und idyllische Titel zu verleihen (zum Beispiel „Abend am Traunsee“). Ironischerweise verliert aber Kagels Zitherquartett jeglichen Ei- gencharakterdurchdiebesonderekom- positorische Machart, die dem Prinzip der Collage folgt. Dabei schichten die vier Instrumente (Quint-, Diskant-, Alt- und Basszither) scheinbar völlig zusammenhanglos und unabhängig voneinander Versatzstücke klassischer Zitherliteratur übereinander. Diese modern anmutende Gleichzeitigkeit von unterschiedlichsten Rhythmen, Metren, Figuren und Tonarten entsteht also nicht aus einem experimentell-abstrakten Materialbegriff der Avantgarde heraus, sondern aus dem Zerschneiden, Über- einanderschichten und Neuzusammensetzen traditioneller Klänge. Bisweilen wirkt es, als würden mehrere Stücke von Grünwald, Haustein, Kollmaneck u.ä. gleichzeitig aufgeführt werden. Noch drastischer ist dieser Effekt, wenn nach einer Generalpause im zweiten Teil das bisher vorgestellte Klang- material nochmals taktweise zerlegt und in kleinen Partikeln memory-artig vermischt wird. Mit dieser letzten Verwirrung überlässt der Komponist das Werk unseren Nachgedanken. Es sei in diesem Zusammenhang bemerkt, dass bei der Urauffüh- rung des Zyklus das Publikum auf der Bühne saß, während die musizierenden Gruppen im Zuschauerraum Platz genommen hatten. Die Selbstverständlichkeit des Musikbetriebs schien auf den Kopf gestellt zu sein, während das „Zuhören“ an sich zum Hauptakteur bestimmt wurde. | Erfrischend aktuell | Im Gegensatz zu vielen Komposi- tionen der Avantgarde nach 1950, die heutzutage schon wieder recht angestaubt wirken, besitzt dieses Stück mit seiner originellen Machart immer noch eine erfrischende Aktualität, wenngleich sich die öffentliche Wahrnehmung der Zither als ein vielfältig einsetzbares Instrument mittler- weile doch stark gewandelt hat. Leopold Hurt Mauricio Kagel Charakterstück (1971) für Zitherquartett (Quint, Diskant, Alt, Bass) Schwierigkeitsgrad: 4 Partitur: Universal Edition UE 15607 60 || REPERTOIRE

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