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2014_Zither-Mag_2 - Repertoire

Capriccio in G-Dur

Silvius Leopold Weiss Capriccio in G-Dur Silvius Leopold Weiss, geboren 1687 in Grottkau in der Nähe von Breslau (heute Wroclaw in Polen), gilt bis heute als der wohl prominen- teste Lautenist des deutschen Spät- barocks. Ähnlich wie die seines be- rühmten Zeitgenossen und Freundes Johann Sebastian Bach, der beinahe identische Lebensdaten aufweist (beide starben 1750), ist die Kunst von Weiss ein Beispiel sowohl für die späte Blüte als auch für den glanzvol- len Abschluss dieser musikalischen Epoche. Seine schlesische Heimat kann als „Brutstätte“ für eine Rei- he berühmter Lautenkomponisten bezeichnet werden, wie etwa Esaias Reusner (Vater und Sohn), von dem in der Notenbeilage StückWerk des Magazins Zither 1/2014 eine „Passa- galia“ abgedruckt war. | Verschiedene Manuskripte | Weiss hinterließ neben zahlrei- chen mehrsätzigen Suiten und Sonaten vereinzelt auch kürze- re Werke in freier Formgestalt, wie man sie unter anderem im vorliegenden „Capriccio“ erkennen kann. Die einsätzige Kom- position ist in zwei verschiedenen Manuskripten überliefert, die in Warschau (Werknummer WeissSW 91.2) und London (WeissSW 25) archiviert sind. Ein Nachdruck innerhalb der Reihe „Erbe deutscher Musik“ diente als Vorlage für die von Sonja Petersamer erstellte Transkription, erschienen im Ver- lag „edition zither“, wobei das Stück eine Quarte höher nach G-Dur transponiert wurde. Auf der Altzither gespielt erklingt das Werk demnach in seiner Originaltonart D-Dur. | Feierliche Fanfare | Weiss eröffnet seine Komposition mit einem hellen und fröhlich gestimmten Fugato. Der polyphone Klangraum wird dabei von oben nach unten erweitert, indem dieEinzelstimmenkurznacheinanderundinlinearerFolgeals Sopran, Alt, Tenor und Bass einsetzen. Das dabei imitierte und mit tonalen Veränderungen beantwortete Soggetto (Hauptmo- tiv) definiert den Raum einer Quinte und erinnert mit seinem aufwärtsweisendenDrei-Achtel-AuftaktaneinefeierlicheFan- fare. Gemäß der barocken Lehre von den Affekten und rheto- rischen Mitteln in der Musik kann man von einer sogenannten „Anabasis“ sprechen, einer freudig aufsteigenden Linie. Die zu Beginn lediglich angedeutete Vierstimmigkeit weicht schnell einer dreistimmigen Fortführung, in der die kompositorische Idee des An- fangs verarbeitet und „durchgeführt“ wird. So erkennt man die aufsteigen- de Achtel-Figur im vierten Takt als Viertel gedehnt (augmentiert), als punktierte Viertel plus Achtel variiert (Takt 5-6) oder als Sechzehntel-Figur verkleinert (diminuiert). Die Linien werden dabei in Sequenzen ständig „angehoben“ und sinken daraufhin kurzzeitig wieder ab, um einen erneu- ten Anstieg vorzubereiten. | Typische Lauten-Spieltechnik | In Takt 12 wird das organische Gesche- hen auf einem liegenden Basston A (Orgelpunkt) kurz angehalten und mündet nach einer knappen Kadenz ineineReprisederAnfangstakte,dies- malinderDominanteD-Dur.Nachder TonikaaufGfolgtnuneinAbschnittin der parallelen Molltonart e, der sich einer typischen Spieltech- nik der Laute bedient: Bass, Mittel- und Oberstimme werden internalsdreistimmigesAkkord-Arpeggiozerlegt(aufundab), ausnotiert in durchlaufenden Sechzehnteln. Im Gegensatz zur bisherigenTendenzbewegtsichderharmonischeVerlaufdabei in Sequenzen abwärts („Katabasis“). Weiss komponiert hier also ein Gegenbild zum freudig emporsteigenden Anfangsteil. | Wechselspiel | Nach und nach wird diese regelmäßige Pulsation rhythmisch und melodisch zum Anfangsgestus zurückgeführt, wobei auch das aufsteigende Anfangsmo- tiv (ab Takt 32 u.a. in Form einer Dreiklangsbrechung) wiederkehrt. Dabei entsteht ein dichtes Wechselspiel zwi- schen den Stimmen, das wiederum in einen ausnotierten, sequenziert absteigenden Arpeggio-Teil übergeht. Nach einem verbreiterten Bassabstieg (Takt 41-42) kehrt das Ge- schehen endgültig zur Dominante D-Dur zurück, worauf das enggeführte Anfangs-Fugato ein letztes Mal in dieser Tonart angestimmt wird. Hier mündet das verdichtete Geschehen nach weiteren, großräumigen Abwärtsbewegungen in eine komplexe Kadenz aus weiten Akkordblöcken, bevor eine typisch barocke, figurativ freie „Auflösung“ hin zur Tonika G-Dur das Stück beendet. Für die aufführungspraktisch üb- liche Zerlegung der vielstimmigen Akkorde ist im Notentext ein Vorschlag zur Ausführung eingefügt. Leopold Hurt Silvius Leopold Weiss (1687-1750) Capriccio für Diskant- oder Altzither - solo Bearbeitung: Sonja Petersamer Schwierigkeitsgrad: 4 Verlag: edition zither, EZ T 04 Preis: 12,50 Euro REPERTOIRE |61

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