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2015_Zither-Mag_1

gabten Sohn doch eine Meinel-Zither zu kaufen. Ein ungeheurer Luxus, aber die Eltern einigten sich mit Adolf Meinel, das Instrument in Raten von 40 Mark abzustottern. Spätestens von da an galt er als Ausnahmetalent. „Holt mal den Kleinen“ hieß es in den Vereinen oft, wenn nach einem Solisten gesucht wurde. „Ich wurde gefördert, aber auch gefordert“, kommentiert Krasser rück- blickend. Zithervereine gab es in Fülle: Zwischen Dortmund und Duisburg hät- ten damals rund 50 Vereine existiert, sagt Krasser. Allein in Essen gab es elf Vereine, in Duisburg acht. 1950 trat er dem Zithermusikverein „1894 Bochum-Langendreer“ bei, grün- dete das Verbandsorchester mit, das mit ihm als Konzertmeister mehr als 50 Jahre zahlreiche große Erfolge feierte. Fast wäre er übrigens der Zitherei ab- handen gekommen. Denn der junge Schlosserlehrling fiel in der Berufs- schule bei einem „Sichtungskonzert“ dem Dirigenten Eugen Jochum auf. Der damalige Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, der 1949 das Symphonieorchester des Bayeri- schen Rundfunks gründete, erkannte die Musikalität des jungen Mannes auf Anhieb. „Er kam mit einem dicken Mercedes in unsere Siedlung gefahren, um mit meinen Eltern zu reden.“ Frei- lich, die Zither kam im Gespräch nicht mehr vor. Jochum drängte den Jungen, Oboe zu studieren, weil er es damit mit Sicherheit zum Konzertmeister bringen würde. Krasser schlug Harfe vor – „ich hatte überhaupt kein Interesse an Blas- instrumenten“ – was Jochum aber als „Weiberinstrument“ ablehnte. Und da der Vater auch nicht wollte, dass der Sohn die Zither aufgab, zog Jochum er- folglos wieder ab. Krassers Tage waren auch so sehr aus- gefüllt: Tagsüber arbeitete er in einer Edelstahlfirma, die ihm nach der Lehre bei den Stadtwerken eine Stelle ange- boten hatte. In den Abendstunden büf- felte er an der Technischen Abendschu- le, studierte danach Maschinenbau in Duisburg – alles neben der Arbeit - und fand mit 23 Jahren noch die Zeit zum Heiraten: Rosemarie, die er im Bochumer Zitherclub kennen- gelernt hatte. Natürlich übte er weiter Zither. Schließlich hatte er den Leitspruch seines Va- ters verinnerlicht: „Du kannst eher aufs Essen als aufs Üben verzichten.“ Um ein Uhr fiel er erschöpft ins Bett, um 6 Uhr stand er an der Bushalte- stelle und fuhr in die Firma. „Aber mit 30 war ich oben.“ Nachts hatte er schon als Jugendlicher gern geübt. Der Vater hatte ihm das zwar ver- boten, auch der Nachtruhe der Nachbarn wegen. Aber weil er sein Verbot aufgrund der Nachtschich- ten nicht überwachen konnte, übte Hans unverdrossen. Den Bergmann nebenan, der wegen seiner Staublun- ge die Treppe ins Schlafzimmer nicht mehr schaffte und im angrenzenden Wohnzimmer schlief, störte das nicht. Im Gegenteil, er beschwerte sich so- fort, als der Vater das nächtliche Üben stoppte. Der Vater verabscheute es auch, wenn Hans in der Knei- pe spielte, sperrte sogar, als sich der 17-Jährige davon nicht abhalten ließ, kurzerhand die Zither weg. Mit der Folge, dass die Wirtin ein Instrument kaufte und es für den jungen Spieler im Lokal deponierte. Viele berühmte Zitherspieler, die heu- te fast vergessen sind, kannte Hans Krasser noch gut. Wilhelm Otto Mi- ckenschreiber etwa, der ihn von 1948 an unterrichtete und ihm schließlich seine wertvolle Meinel-Zither vererbte, oder Hans Ludwig, der ihn das Dirigieren lehr- te, oder Richard Grünwald, den er bei einer Tagung mit Instru- mentenausstellung in der Düsseldorfer Tonhalle kennenlernte. Wenn sich der Meister an ein Instrument setzte, um es auszuprobieren, hatten die anderen Zitherspieler zu verstummen. „Da durf- te kein anderer klimpern.“ Aber sobald er pausierte, legte der 18-jährige Kras- ser los. Zweifellos eine Provokation für den Altmeister, der seinerseits mit ei- nem anderen Stück reagierte. Krasser wartete auf die nächste Pause, spielte „An Blasinstrumenten hatte ich überhaupt keine Interesse“ 12 | PORTRÄT

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