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2015_Zither-Mag_1

sofort wieder los. So ging das eine Weile hin und her in der brechend vollen Hal- le. „Er hatte mehr konzertante Sachen drauf, ich war vielseitiger.“ Schließlich gab Grünwald auf – so interpretierte es zumindest sein junger Kontrahent – kam herüber und baute sich vor Kras- ser auf. „Ihre Haltung ist dilettantisch“, kommentierte er dessen Spiel. Das wollte der nicht auf sich sitzenlassen. Der heftige Wortwechsel endete mit Grünwalds wütendem Ausruf „Sie sind ein Dilettant“. 1963, wenige Monate vor Grünwalds Tod, trafen sich die beiden bei Walter Jellinghaus in Dortmund wieder. „Einen Tag lang unterhielten wir uns über Mu- sik und gingen als Freunde auseinan- der.“ Die Haltungsfrage war bei diesem Gespräch kein Thema mehr. In den vergangenen 67 Jahren hat Hans Krasser mehr als 1600 Auftritte in In- und Ausland absolviert. 800 Mal stand er als Solist auf der Bühne, musizier- te auch häufig in Quartett, Trio- oder Duobesetzung. Früh erkannte er, wie wichtig für das Instrument die Jugend- arbeit ist. Als Lili Grünwald-Brandl- meier in den Siebzigerjahren die Auf- nahme der Zither in den Wettbewerb „Jugend musiziert“ durchgesetzt hat- te, erarbeitete er gemeinsam mit ihr, Toni Gößwein, Fritz Wilhelm und Rolf Meyer-Thibaut neue Literaturlisten. „Wir haben alles durchsortiert und vie- les rausgeworfen“, sagt Krasser. Zwar sei er im Gegensatz zu Gößwein nie ein „Avantgardist“ gewesen, aber schon damals habe er kapiert, wie dringend die Zither neue Literatur benötigte. Er selbst war ein erfolgreicher Lehrer: Viele seiner Schüler heimsten Preise bei „Jugend musiziert“ ein und sind bis heute als Zitherspieler unterwegs. Obwohl Krasser sich nie sonderlich für zeitgenössische Musik interessier- te – „vielleicht auch, weil ich nie gern aneckte“ – war er mit von der Partie, als das Oberhauser Zitherquartett Mau- rizio Kagels fünfminütiges „Charakter- stück“ uraufführte. Eigentlich hätte das Langendreer Quartett die Urauf- führung spielen sollen, aber deren Chef Willi Meder, der den Kontakt zu Kagel gepflegt hatte, zerstritt sich mit einem seiner Musiker und übergab in seinem Zorn den Oberhausern die Noten. Doch die, sagt Krasser, seien mit den von Ka- gel geforderten Rhythmen, Metren und Figuren erst einmal hoffnungslos über- fordert gewesen. Sechs Wochen vor der Uraufführung wandten sie sich an Kras- ser. Der zeichnete die einzelnen Stim- men erst einmal auf dem Reißbrett auf und bestand auf ungezählten Proben, um den Ablauf in den Griff zu kriegen. Die Uraufführung in „Musik der Zeit“ am 12.Mai 1972 bewältigte das Quar- tett mit Krasser (Diskantzither), Klaus Waldburg (Quintzither), Kurt Klingler (Altzither) und Waldburgs Lehrer Al- bert Zumbusch (Baßzither) bravourös. Inzwischen ist es ruhiger um Hans Krasser geworden. Ruhiger, nicht ruhig. 81 Jahre ist er alt, noch immer enga- giert er sich für sein Instrument, lehrt in Seminaren, dirigiert das Auswahl- zitherorchester Nord, mit dem er eben erfolgreich am Orchesterwettbewerb in Siegen teilnahm. Regelmäßig zu hö- ren ist er auch mit Gisela Müller-Kopp, eine seiner ehemaligen Schülerinnen, und Jörg Jahn als Collegium Concer- tante. Und natürlich auch als Solist, immer im dunklen Anzug, immer ganz untadelig. Gewissenhaft bereitet er sich auf jeden Auftritt vor. Übt er noch immer täglich? Krasser nickt. Klar, zwei Stunden mindestens. „Drunter mache ich nichts.“ 800 Mal stand er als Solist inzwischen auf der Bühne Das Oberhauser Zitherquartett bei der Tonaufnahme von Kagels „Charakterstück” im Sendesaal Köln 1972: (von links) Klaus Waldburg, Kurt Klingler, Albert Zumbusch und Hans Krasser. Das Foto unten zeigt Krasser (dritter von links) 1947 in seinem ersten Verein Duisburg-Wedau. PORTRÄT |13

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