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2015_Zither-Mag_1

8. November, 6 Uhr. Der Wecker klingelt. Ein tiefschwarzer Novem- bermorgen in Siegen. Im Hotel Bürger und im Haus Hennche kämpfen sich Zitherspieler- und spielerinnen aus dem viel zu kurzen Schlaf. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, einen Auftritt so früh anzusetzen? Und das auch noch bei einem Wettbewerb. Zum Glück entge- hen die dafür Verantwortlichen durch ihre Abwesenheit mögli- chen Beschimpfungen. Schon die Anreise in die im Spätherbst eher trostlos wir- kende Universitätsstadt Siegen war, bedingt durch den Streik der Deutschen Bahn, ziemlich beschwer- lich und umständlich. Auch wenn das Oberzentrum des Kreises Siegen-Witt- genstein geographisch gesehen genau in der westlichen Mitte Deutschlands liegt, so hat man angesichts der schiefervertä- felten Häuser eher den Eindruck, sich mitten im pittoresken Auge eines Hur- ricanes zu befinden, also dort, wo alles zur Ruhe gekommen ist. Das Leben tobt definitiv anderswo. Austragungsort des 5. Wettbewerbs für Auswahlorchester ist die Siegerlandhal- le, ein Zweckbau aus den Siebzigerjah- ren. Keine Ahnung, was die Bundesver- einigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) als Dachorganisation der instru- mentalen Laienmusik bewogen hat, sich für dieses Gebäude zu entscheiden. Die meisten Deutschen kennen es nur von gelegentlichen Fernsehgroßveranstal- tungen her. Den Zitherorchestern Nord und Baden-Württemberg, die am Vortrag von weither angereist kamen, war es bis dahin jedenfalls fremd. 8.30 Uhr: 15 kurze Minuten hat das Aus- wahlorchester Nord, um alle Tische, Pulte und Instrumente im erstaunlich schönen und akustisch dankbaren Leo- nard-Gläser-Saal in Position zu bringen. Pünktlich um 8.45 Uhr betritt Hans Krasser das Podium, um den Auftakt für ein 25-Minuten-Programm zu geben, das der Fachjury die spieltechnischen und interpretatorischen Fertigkeiten des 15-köpfigen Orchesters zu Gehör bringen soll. Das Programm ist sorgfältig ausgewählt, um die gesamte Bandbreite präsentieren zu können: zu Beginn die Nordische Romanze op. 45/1 von Jo- hannes Pugh, gefolgt von der Thüringer Suite von Reiner Floß, bis zur Urauffüh- rung des Werkes Hinführung, Abstieg aus Höhen op. 67 von Ulf Nazarenka, bei der aus Gründen der Durchführbarkeit auf die Forderung des Komponisten, alle Instrumente auf a’ = 432 Hz zu stimmen, verzichtet werden musste. Während das Zitherorchester Nord im Saal hochkonzentriert sein Bestes gibt, beginnt in der Garderobe für die an- deren das Warten auf den Auftritt. In einem nüchternen Raum mit niedrigen Decken und kaltem Neonlicht, das aus surrenden Röhren von der Decke herun- terprasselt, – wie eben noch die eiskalte Dusche im Hotel, wo das Management vergessen hatte, den Boiler einzuschalten – probt das Landeszitherorchester Ba- den-Württemberg noch ein- mal generalstabsmäßig das Prozedere des ganzen Auf- und Abbaus. 9.15 Uhr: Die gut gelaun- te Jury der Kategorien Zither-, Gitarren- und Zupforchester, bestehend aus Professor Georg Glasl (Hochschu- le für Musik und Theater, München), Professor Stefan Jenzer (Hochschule für Musik, Saarbrücken), Marlo Strauß (Musikakademie der deutschsprachi- gen Gemeinschaft Belgiens, Eupen), Sabine Geis (Jugendzupforchester Hes- sen) und dem Vorsitzenden Professor Dieter Kreidler (ehemals Hochschule für Musik und Tanz, Köln), zieht sich zur Beratung zurück, das Landeszither- orchester Nord baut in echter Winde- seile alle Instrumente, Pulte und Ti- sche wieder ab. Jetzt schlägt die Stunde für die Baden-Württemberger. Für die wenigen Zuschauer mutet das Durch- einader möglicherweise chaotisch an, die Mit- Seltsam vermummte Gestalten mit eigenartigen Koffern prägten das Stadtbild in Siegen während des Orchesterwettbewerbs. Doch im Moment, als ihr Sieg verkündet wurde (Foto links) hatten die Baden-Württemberger die eiskalten Du- schen und das lange Warten vergessen. Fotos: Carmen Börsig, Nikola Hammon Unter kaltem Neonlicht proben die Musiker nochmal Auf- und Abbau REPORTAGE |21

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