Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

2015_Zither-Mag_1

um was ganz Besonderes handelt. Die geballte Kraft der heute schon verges- senen Jugendrebellion der 80er und 90er betört das zornige Herz und führt uns in eine längst vergessene Utopie. Im Zeitalter der Konformisten und Post- Snowden-ÄraerscheintLissieRettenwan- ders Klangkunst wie aus einer anderen Welt, manchmal aus dem Futur, und doch so vertraut, in der Hoffnung, die Zukunft zu prognostizieren, res futuras providere. Und dann überkommt sie uns, die bitter- süße Melancholie, zunächst introvertiert und schmeichelnd mit ihrer Stimme, doch der folgende Aufschrei rüttelt auch die schläfrigsten Geister in ihren Nestern auf. Mit der Zither wird nun nicht mehr bloß geklimpert, die Töne peitschen, der energetische Strom gefangen zwischen analogen Filtern und Envelopes, krei- schend, kratzend, um Gnade flehend, und die Regler werden endlich noch weiter aufgedreht. Den Hendrix-Einfluss kann sie wohl hier nicht mehr leugnen. Es sind alles Fragmente, die sich ver- meintlich zufallsorientiert zusammen- setzen und sich in immer neue Dyna- miken verirren. Die Pseudotexte lassen vertraute Zusammenhänge heraushören, ob es nun ein Zusammenspiel von Illu- sionen ist, die hier zusammengereimt werden, eine Fata Morgana des eigenen Innenlebens, gar archetypische Träume und Sehnsüchte beschworen werden, diese Frage kann und will an dieser Stelle gar nicht beantwortet werden. So mag dann die eine oder andere Reise mit Lissie Rettenwander den inneren Seelenfrieden durcheinandergebracht, das Ende des Alpenlands beschworen, Schmerz und Freude unverschämt mit- einander vermischt haben, dennoch verbleibt am Ende die Möglichkeit, ihr Gesamtkunstwerk verspielt ausklingen zu lassen, Zeit zu reflektieren, Ruhe, ein immer wiederkehrendes Element. Eine Gelegenheit, einen verträumten Blick auf die eigene Seele zu werfen und Fragen zu beantworten, neue Fragen, die den neuen Antworten gefolgt sind. Ja, Lissie Rettenwanders Musik-Kosmos ist schwer zu umschreiben, die impro- visierten Kompositionen erscheinen wie Zeitzeugen, dokumentarische Mo- ment-Aufnahmen einer in sich ambiva- lenten Gefühlswelt, in der es wieder er- laubt ist, das volle Spektrum der Gefühle zu erleben, ohne sich dafür zu genieren. Die Ambivalenz ist es auch, die sich wie ein roter Faden durch Lissie Ret- tenwanders Musikschaffen zieht, die Ambivalenz zwischen Heimatliebe und Zorn, Zugehörigkeit und Rebelli- on, Alpenland und Abendland. Bobby Rajesh Malhotra ist Künstler und Überlebens- künstler. Sein künstlerisches Schaffen ist politisch mo- tiviert. Zur Zeit studiert er Digitale Kunst & Medienge- staltung an der Universität für angewandte Kunst Wien. Lissie Rettenwander Geboren 1972 in Kitzbühel auf einem Bau- ernhof, begann sie ihre Laufbahn mit klas- sischer Volksmusik. Ursprünglich sang und spielte sie Zither in der Hausmusikrunde ihrer Familie. Seit ihrem zehnten Lebens- jahr improvisiert sie auch, zunächst nur allein auf den Feldern beim Arbeiten. Hauptinstrument ist ihre Stimme, die sie mit Zither oder Elektro-Gitarre begleitet. Heute betreibt sie avantgardistische Solo- und Bandprojekte mit viel Freiraum zur Improvisation. Was eine Zitherspielerin für einen Auftritt alles so braucht: Die echten Tiroler Lieder eben genauso wie Geräte zur elektonischen Klangverarbeitung und Kopfhörer. Und natürlich eine Zither. Foto: Lissie Rettenwander Eine gute Gelegenheit, einen Blick in die eigene Seele zu werfen SELBSTPORTRÄT |57

Seitenübersicht