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2015_Zither-Mag_1 - Nachsatz

VorgeschmackderHölle In der Reichshauptstadt hielt vom 8. bis 12. September der Verband deutscher Zitherver- eine seinen X. Kongreß ab, welcher gesell- schaftlich wie musikalisch fleißig durchge- führt wurde. Die Zither gewinnt trotz aller Abneigung der Fachmusiker, die sie mit Vor- liebe als „Wimmer“- oder „Jammer“-Instru- ment bezeichnen und die Flucht ergreifen, sobald in ihrer Nähe „gezithert“ wird, fort- während an Freunden. . . Die Zither ist das jüngste unter den musikali- schen Instrumenten. Es war um das Jahr 1830, als der Wiener Musiker Johann Petzmayer auf den Gedanken kam, das mit 4 bis 6 Drahtsai- ten bespannte guitarreähnliche Instrument, auf welchem die Bewohner der Alpen ihre hei- matlichen Weisen zu begleiten pflegten, so zu erweitern, daß es fähig würde, auch selbständig Melodien mit Begleitung wiederzugeben. So entstand die Schlagzither. Petzmayer hat unglaubli- che Erfolge damit errungen. In kurzer Zeit erwarb er sich in Wien durch sein Spiel einen solchen Ruf, daß er sogar vor dem Kaiser von Oesterreich spielen mußte. Im Triumpf durchzog er nun Oesterreich und Deutschland.… Es konnte nicht fehlen, daß P. bei dem Enthusiasmus, den sein Spiel überall erregte, eine große Anzahl von Schü- lern gewann und seine Zither weit verbreitete. Aber die Unbegabten wussten mit dem spröden Instrument nichts anzufangen, und die Begabten erkannten, daß die Zither Petzmayer`s wohl unter seinen Meisterhänden große Wir- kungen hätte erzielen können, daß sie aber in dieser unvoll- kommenen Gestalt eine bleibende musikalische Bedeutung nicht gewinnen könne. Deshalb brachten sie zunächst die Besaitung in ein festes System, gaben den Melodiesaiten Viola-Stimmung und ein chromatisches Griffbrett und ord- neten die Begleitungs- und Baß-Saiten nach Quinten und Quarten in zwei Oktaven. In dieser Form hat die Zither eine weite Verbreitung ge- funden. Namentlich in Süddeutschland hat fast jedes Dorf seinen Zitherspieler, in Wien zählte man de- ren schon vor 10 Jahren allein 10 000 – aber sie waren auch danach. Willkürlich hatten Dilettanten aller Art an dem Instrumente gemeistert; die lückenlose Saitenordnung unterbrochen und, durch die leichte Spiel- barkeit gewisser stehender Accord-Griffe verführt, einem groben Naturalismus sich hingegeben. Max Albert, ein tüchtiger süd- deutscher Musiker, war der nächste Bahn- brecher für das Instrument. Schon früh siedelte er nach Berlin über, gründete oder reorganisierte eine Anzahl von Zither-Verei- nen, richtete eine Akademie für das Zither- spiel ein, die unter Leitung seines seiner Schüler noch jetzt besteht… Überall ent- standen seitdem Zithervereine. 1877 wurde zu Kassel der Verband deutscher Zithervereine gegründet. Jetzt zählt der Zitherverband mehr als 40 Vereine in ganz Deutschland. Die Zither erblühte zu einer solchen Vollkom- menheit, daß sie Männern wie Franz Liszt, Rossini, Brahms, Dvorák usw. interessierte. Soweit ist das alles schön und erfreulich. Nur eines ist auf diesem letzten Kongreß nicht genug betont worden: die Begrenzung der Bedeutung der Zither. Ein Bericht nannte die Zither neben einem „einfachen” ein „seelenvolles” Inst- rument. Das ist sie aber nicht. Der Ton der menschlichen Stimme, des Cello, der Geige, ja der Flöte oder Klarinette, bedingungsweise sogar des Klaviers mag seelenvoll genannt werden, der Zitherton ist unmodulationsfähig, also nicht seelenvoll. Es ist vorgekommen, daß 40 Zithern die „Thann- häuser“-Ouvertüre vortrugen – das ist ein Vorgeschmack der Hölle, ein ganz verwerflicher Irrtum. Die Zither soll nicht bespöttelt, sie soll geschätzt und ent- wickelt werden. Aber sie soll ihres Ursprungs eingedenk bleiben, soll die Transpositionen großer Kunstmusikstücke vermeiden, und das deutsche Lied, das Volkslied, gemütvol- le oder ausgelassene Tänze und dergleichen Musik pflegen – dann ist sie als Instrument vielfach willkommener als das gefährliche Klavier. Aus: Neue Musikzeitung, Berlin, Jahrgang 1887(gekürzt) NACHHSATZ 83 ren schon vor 10 Jahren allein 10000 – aber

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